Full text: Volume (Bd. 6 (1841))

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Oeffeiulichkeit und Mündlichkeit
schlichten Bürger zygetraut werden willUnd doch beruht
die ganze Gestaltung der Untergerichte in Württem-
berg (Gememderäthe und Oberamtsgerichte) auf der entgegen-
stehenden Voraussetzung!

30) Wann werden die deutschen Juristen anfhören, sich für die allein
Wissenden und Andere, weil sie nicht die juristischen Examina ge-
macht haben (worin, beiläufig bemerkt, vaterländisches Recht nicht
vorzugsweise erfragt wird), für die Unwissenden zu halten? Nicht
früher, als bis sie sich überzeugt haben, wie sehr einer großen An-
zahl unter ihnen deutsche Bildung abgeht, wie vieles Recht ihnen
unbewußt noch jetzt im Volke ruht, und wie etwas ganz Anderes
nothwendig ist, um dieses Volk und seine Verhältnisse zu beurthei-
len, als eine von dem Leben abgekehrte Wissenschaft! Und wie sieht
es aus mit dieser Wissenschaft, wenn wir sie auch rein für sich in
ihrer Anwendung betrachten: schreiten die Richter und Fürsprecher
fort mit ihr in ihrem abgegrenzten Gebiete, befruchten sie dieselbe
mit ihren Erfahrungen und lassen sie sich umgekehrt von ihr geistig
erheben unter der Last täglicher Arbeit? Es ist dieß leider bei den
Allermeisten nicht der Fall, und gerade bei den Befähigtsten und
darum Beschäftigtsten kaum möglich. Jedes Mitglied eines Rich-
tercolleginms ist namentlich so sehr vpn eigenen Actenarbeiten in
Anspruch genommen, daß ihm kaum die Lust und die Freiheit des
Gedankens übrig bleibt, um die Ausarbeitungen anderer in der
gemeinschaftlichen Sitzung zu prüfen,.und jedes Collegium so sehr
beschäftigt, daß gründliche Erörterungen eigentlich gescheut werden.
Daher nun aber die vielen mangelhaften, sich unter einander wi-
dersprechenden und selbst actenwidrige Entscheidungen der höheren
Gerichte, Entscheidungen, welche der gesunde unbefangene Men-
schenverstand, wäre ihm die Sache klar in öffentlich-mündlicher
Rede vorge egt worden, allerdings nicht getroffen hätte. Man
wendet ein, das Volk sei mit den gegenwärtigen Juristengerichten
zufrieden! Wo das Volk nie einen andern Zustand gekannt hat,
ist ihm der Anlaß zur Vergleichung genommen; allein gehen wir
zurück auf die Zeit, wo jene Gerichte eingeführt wurden: waren
nicht damals die Klagen laut und allgemein? Und haben nicht diese
Klagen über verzögerte und vertheuerte Rechtspflege, so wie über
Ungewißheit des Rechts damals begonnen und seither nicht anf-
gehört? .

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