Full text: Volume (Bd. 6 (1841))

der Rechtspflege. 351
teren Oeffentlichkeit Ln den Gerichts- und Rachstuben weichen müssen.
Doch wurden noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts peinliche Ge-
richte ganz gewöhnlich unter freiem Himmel gehalten "), auch an
solchen Orten, wo bereits Rathhäuser zu ihrer Aufnahme vorhan-
den gewesen wären. Und selbst aus dem siebzehnten Jahrhun-
dert, ja noch aus späterer Zeit "), lassen sich Beispiele solcher alt-
germanischer Gerichtsöffentlichkeit Nachweisen.
Wie hoch man diese Oeffentlichkeit bei Ausübung der Nechtspsiege
hielt, sieht man daraus, daß eine kaiserliche Befreiung zur Verlegung
des Gerichtssitzcs innerhalb der vier Wände erfordert wurde. So
wurde durch eine Urkunde Kaiser Ludwigs vom 11. Dezbr. 1320
der Stadt Cannstadt bewilligt, daß sie den Landtag (Landgericht)
„den sie haben vor der Stadt", in der Stadt haben sollen und
mögen lö). Gleichfalls gestattete am 12. August 1471 Kaiser Frie-
derich dem Vogt und Gericht der Stadt Tübingen, daß sie das
Gericht über das Blut in ihrem Haus und an den Enden und

14) Beispiele von Balingen, Pfullingen, Stuttgart, Wangen s. bei
Gerstlacher Abhandl. von den mancherlei Arten der peinlichen
Gerichtsbarkeit in seiner Samml. württ. Rechte 2. Buch, Einl.
S. 90. 91.
15) Die Untergänge (Umgänge, Märkergerichte), deren althergebrachte
Gerichtsbarkeit in Württemberg durch das Edict vom 51. Dezbr.
1818 aufgehoben wurde, pflegten bis zuletzt ihre judicia divisoria
unter den Wolken zu geben. Ueber die Aufhebung jener eigent-
thümlichen Gerichtsbarkeit bemerkt Hufnagel in Hofakers Jahr«
bnchern Bd. II. S. 226: „wenn die teutschen Untcrgangsgerichte
überhaupt auf der dem practischen Verstände so nahe liegenden
Ansicht beruhen, kein Beweismittel sey so zuverlässig, als die
eigene Anschauung des Richters, und es lasse sich der Streit am
schnellsten und sichersten unterscheiden, wenn man die Parteien
und die streitige Sache vor Augen habe: so möchte man vielleicht
Ursache haben, den Verlust des alten Instituts zu bedauren."
Nicht mit jenen Untergangsgerichten zu verwechseln sind die Mar-
kungs-Umgänge. Diese, der letzte Ueberrest des allgemeinen öffent-
lichen Auftretens der Gemeinde (die auf dem Rathhause niederge-
gelegten Flurkarten möchten keinen Ersatz dafür geben) wurden
aufgehoben durch Verordnung vom 3. Novbr. 1841.
16) Meine Samml. altwnrtt. Statutar-Rechte l. S. 635.

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