Full text: Volume (Bd. 6 (1841))

Das Erbrecht der adelichen Töchter.

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3) ein bestimmtes Erbe, in der Regel zukünftiges, worauf
verzichtet wird.
Der Töchterverzicht ist nur eine Art des Erbverzichts, dadurch
ausgezeichnet, daß eine Tochter, in der Regel die Tochter einer
adelichen Familie, einem ihr in dieser zukommenden Erbhoffnungs-
recht (auf väterliches, mütterliches, brüderliches Erbe und dergleichen)
entsagt zu Gunsten anderer Mitglieder der Familie, in der Regel
der Brüder. Ohne ein bestimmtes Erbrecht, worauf die Tochter
nach dem Gesetz hoffen kann (Nro. 5), sollte man rechtlich anneh-
men, ist auch dieser Verzicht nicht möglich, denn ein Verzicht ohne
Object verliert seinen Inhalt, ist also ein leeres und darum ver-
gebliches Geschäft (negotium irritum). Dessen ungeachtet hat die
Annahme, der Verzicht sei eine bloße Förmlichkeit, großen Anhang
gefunden, und auch Beseler^), der im Uebrigen unabhängig von
seinen Vorgängern zu Werke geht, unterscheidet von dem weiblichen
Erbverzicht den Erbverzicht als wahre Erbabsonderung und läßt da-
her ältere Beispiele dieser Art aus dem 11. und 12. Jahrhundert
nicht als weibliche Erbverzichte in dem Sinne, wie sie hier gemeint
sind, gelten. Auch ist er der Meinung, daß das jetzt geltende Erb-
recht in den Familien des hohen Adels (warum nicht auch des Nie-
dern?) nicht mit dem altgermanischen Rechte übereinstimme, sondern
im späteren Mittelalter selbstständig durch die Kraft der Familien-
Autonomie sei hervorgerufen worden.
Was das besondere Erbrecht des Adels betrifft, so ist oben
schon dargelegt worden, wie dieses, wenn auch nicht unmittelbar,
so doch mittelbar mit den alten Volks- und Landrechten Zusammen-
hänge, deren Inhalt dasselbe reproducirt. Kann nun freilich hiefür
hauptsächlich nur die innere Uebereinstimmung des früheren Volks-
rechts und des jetzigen Adelsrechts und das Zusammentreffen der
Entstehung des letzter» mit dem Uebergang des erster» in das heu-
tige gemeine Recht angeführt werden, so ist dieß doch ein in der
Geschichte nicht zu verachtender Beweis. Damit ist aber nicht ge-
sagt, daß das neue Adelsrecht in den alten Rechten sein formelles
Beruhen habe, sondern, theils weil diese nicht mehr galten, theils
weil sie den Wünschen des Mannsstamms nicht genügten, waren die
Verzichte nothwendig, selbst in solchen Fällen, wo sie früher entbehrt

42) Erbverträge II, 2. S. 272. 509. 259.

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