Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 6 (1896))

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Frey, Große und kleine . Spruchfehler.
Das widerspricht alles dem Grundsätze der Mündlichkeit und Oeffentlichkeit
und ist keine Thatbestandsfeststellung „auf Grundlage der mündlichen Vor-
träge der Parteien," ganz abgesehen davon, daß darüber, was vorgetragen
worden ist, jeder Anhalt fehlt.
f) Auf welche Weise zu verfahren sei, um den Thatbestand als ein einheitlich
zu überblickendes Bild des Sach- und Streitstandes erscheinen zu lassen, läßt sich
nicht nach einem ein für allemal giltigen Vorwurfe bestimmen. In jedem ein-
zelnen Falle entscheidet die Frage der Zweckmäßigkeit: „Wie ist am Einfachsten und
Klarsten dem Verständnisse des Lesenden nahe zu kommen?" Einen guten That-
bestand muß der Leser fast unwillkürlich in sich aufnchmen wie eine interessante
Erzählung. Jede Wiederholung, jede parenthetische Einschaltung, jede Bezugnahme,
Vor- oder Rückverweisung bildet auf dem Wege des Lesers ein Hinderniß, das
genommen werden muß, an dem aber bei öfterem Vorkommen die Zurücklegung
des Weges nicht selten scheitert.
Verkehrt ist jedenfalls mit ein em Schema an alle Tatbestände heranzu-
tretett, geradezu verunglücken muß aber das Werk, wenn dieses Schema auch noch
falsch von vornherein ist, wie z. B. die folgenden:
«) Ohne den Leser nur erst darüber einiger Maßen klar werden zu lassen,
um was es sich handelt, werden die einzelnen thatsächlichen Behauptungen des
Klägers in ihre Bestandtheile aufgelöst, jeder einzelnen gegenüber speziell die Er-
klärungen des Beklagten, diesen wieder die Replik des Klägers u. s. w. entgegen-
gestellt, zu jedem Punkte sofort die beiderseitigen Beweis- und Gegenbeweismittel
angegeben und in dieser Weise fortgefahren, bis endlich alles thatsächliche Material
so postenweise zusammengetragen ist. Dies wirkt in der Auffassung deS Lesers
nicht wie der Anblick eines gegliederten Baus, sondern wie der eines ungeordneten
Haufens brauchbarer und unbrauchbarer Materialien, aus denen man sich erst
den Sach- und Streitstand zusammensetzen muß, wenn man überhaupt endlich
am Schluffe darüber klar wird, worauf.die Parteien hinaus wollen.
ß) Peinlich wirkt ein andres Schema, nach welchem unter allen Umständen
das Material in drei Gruppen getheilt wird: unbestrittene Thatsachen, bestrittene
Behauptungen des Klägers und bestrittene Behauptungen des Beklagten. Dieses
Schema beruht auf der mißverstandenen mit Recht häufig angewandten Form des
Thatbestandes, wonach man zunächst die unbestrittenen rechtlichen und thatsächlichen
Verhältnisse giebt, auf deren Grund das eigentliche Streitverhältniß sich entwickelt
hak. Dann muß aber die Darstellung in sich verständlich sein. Statt dessen werden
zu Ehren des Schemas — sogar bisweilen unter entsprechender Überschrift —
zunächst unter die erste Gruppe alle unbestrittenen Theile der Parteibehauptungen
erhebliche und unerhebliche, ohne Sinn und Zusammenhang herausgezogen und auf-
gezählt, ein an sich ganz unverständliches Kauderwälsch, dann kommen in langer
Reihe und ohne Rücksicht auf rechtlichen, und logischen Zusammenhang die bestrit-
tenen Behauptungen der Parteien, am Schluffe Beweis- und Gegenbeweismittel

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