Full text: Volume (Bd. 6 (1896))

Körperverletzung, VerunstalknngZentschädigung, Sicherheitsleistung. 467
haben, so kann doch ihre Verunstaltung derartig sein, daß sie überhaupt keinen
Arbeitgeber finden kann oder doch wenigstens von einem großen Theile der ihr
sonst zugänglichen Erwerbszweige ausgeschlossen ist. Fälle dieser Art fallen schon
unter 8 1489 des B.G.B.'s; 8 1490 des B.G.B.'s bezieht sich darauf nicht.
Andererseits kann die Verunstaltung die Folge haben, daß die verletzte Person ver-
hindert wird, in Lebensverhältnisse einzutreten, die zwar nicht auf die Erlangung
eines Erwerbes abzielen, aber doch immerhin eine Verbesserung der wirthschaft-
lichen oder finanziellen Lage zur Folge haben. Dazu würde der Fall zu rechnen
sein, wenn einer weiblichen Person durch die Verunstaltung die Möglichkeit einer
Verheirathung oder des die Kosten des Haushalts vermindernden Zusammenlebens
mit verwandten oder befreundeten Personen entzogen wird. Auch in diesen Fällen
handelt es sich immerhin um einen Vermögensschaden, dessen Vergütung, wenn
nicht auf Grund des Z 1489, so doch sicher nach dem allgemeinen Grundsätze des
8 1483 deö B.G.B.'s zugesprochen werden könnte und müßte.
War somit für die soeben erwähnten beiden Fälle eine besondere Bestim-
mung überflüssig, so muß der Gesetzgeber mit § 1490 des B.G.B's andere Um-
stände im Auge gehabt haben, und dies führt mit Nothwendigkeit zu dem Er-
gebnisse, die Verunstaltungsenlschädigung auf eine Stufe mit dem Schmerzensgelde
zu stellen und darin nicht einen Ausgleich für vermögensrechtliche Schäden, son-
dern einen Ersatz dafür zu erblicken, daß die Verunstaltung auf die davon be-
troffene Person in seelischer Hinsicht einen niederdrückenden Einfluß zu üben pflegt.
Ist die Verunstaltung einigermaßen in die Augen fallend, so wird in dem Ver-
letzten das Gefiihl der Unbehaglichkeit hervorgerufen, es beunruhigt ihn, Gegen-
stand der Aufmerksamkeit und des Mitleids zu sein, und er verliert die Fähigkeit,
sich in Gesellschaft Anderer ungezwungen und mit Behagen zu bewegen. Lebens-
frische und Lcbensfieude werden ihm bis zu einem gewissen — bald größeren bald
geringeren Grade — verkümmert. Diese Mißstände sind cs, für die die Ver-
unstaltungsentschädigung einen Ausgleich bieten soll, und es ist daher nicht zu-
treffend, wenn der Beklagte darauf hinweist, daß die Klägerin bereits verheirathet
sei und in einem Lebensalter stehe, wo von nachtheiligen Folgen der Verunstal-
tung nicht die Rede sein könne; dabei hat er mit Unrecht die oben erwähnten
vermögensrechtlichen Nachtheile der Verunstaltung in den Vordergrund
gestellt.
Es ist daher nur noch zu erörtern, ob die Verunstaltung der Klägerin ge-
eignet ist, seelische Wirkungen der oben erwähnten Art hervorzurufen. Dies kann
nach dem Sachverständigengutachten nicht bezweifelt werden, da die durch den Un-
fall hervorgerufene Narbe sehr groß und in die Augen fallend ist. Auch die Höhe
der von den Borderrichtern ausgeworsenen Entschädigung giebt zu Bedenken keinen
Anlaß; das Landgericht hat dabei schon erwogen, daß die Klägerin in einem Alter
steht, wo Verunstaltungen der hier fraglichen Art weniger schmerzlich empfunden
zu werden pflegen, als in jungen Jahren,

so*

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