Full text: Volume (Bd. 6 (1896))

i'4& Gensel, Unsre Zurisiensprache.
Die Urkunden, die der Kläger in erster Instanz beigebracht hat, beweisen
für den Klaganspruch nichts. Der Zeuge, der übrigens als Verwandter
- des Klägers nicht vollglaubwürdig ist und wegen seiner Eidesunmündigkeit
nach § 358* der Zivilprozeßordnung nur unvereidet °) vernommen werden
konnte, hat von der entscheidenden Unterredung vom 1, August nur un-
zusammenhängende Bruchstücke gehört. Der Kläger selbst hat, wie er
zugiebt, m seinem Brief an den Beklagten vom folgenden Tage nichts
von dem angeblichen Zuhalte dieser Unterredung erwähnt.^ Unter diesen
Umständen ist seine bisherige Beweisführung als mißlungen anzusehen.
, Di? Entscheidung ist daher, zur Hauptsache wie auch hinsichtlich der Kosten
von dem Eide abhängig zu machen, den der Kläger — nach Z 410
des angezognen Gesetzes zulässigerweise —- dem Beklagten zugeschobm
und den dieser angenommen hat.
Mancher wird einwenden, Sätze wie der vorgetragne kämen nicht vor. Der
Satz ist freilich erfunden. Aber es kommen viel längere, unverständlichere, un-
schönere vor, wenn sie auch nicht immer so viel Beulen auf einmal aufweisen?)
Man blättre nur einmal in den „Grenzboten" oder in der Zeitschrift des All-
gemeinen deutschen Sprachvereins; da finden sich in Menge Sätze verzeichnet, die
sich schier endlos hinziehen und deren Aufbau auch für den Juristen kaum er-
gründbar ist, Sätze, die an Zusammenschweißung nichtzusammengehöriger Dinge,
an falscher An- und Eingliederung, an Schwerfälligkeit, Schwulst und Unverständ-
lichkeit des Gedankenausdrucks Unglaubliches leisten. „Das kommt in der Eile
vor" — sagt man. Wo bleibt denn aber der Leser mit seiner Zeit? Man schreibt
doch wohl nicht für sich, sondern für den Leser! Aber Kunstwerke baut man auch
nicht in der Eile. Die Gedankeir strömen dem Schreibenden nicht in Gestalt von
Die Aussage wird beeidet, der Zeuge vereidet. Der hier und da abweichende
Sprachgebrauch der Gesetze ist unrichtig. Nicht der Richter beeidet, sondern der Zeuge.
1892 lag mir als Berufungsrichter ein Urtheil vor, das mehrere solcher Eitze ent-
hielt. Einen davon gebe ich hier wörtlich wieder: Es erübrigte sich also der vom Beklagten
eventuell auf Sachverständigengutachten darüber, daß der Lieferant von Pappen auf keinen
Fall mehr als „Centner Späne gegen Centner Pappe" abzunehmen verbunden sei, gestellte
Antrag auch — wie schon erwähnt — mit Rücksicht darauf, daß, wenn die unier Eid gestellte
Vereinbarung erwiesen wird, den Kläger doch nur die Folgen der angeblich zwischen de»
Parteien getroffenen zweiten Vereinbarung treffen, und daß andrerseits im gegentheiligen
Falle feststeht, daß der Beklagte alle Papierspäne, die im ordnungsmäßigen Gewerbebetrieb
des Klägers übrig blieben, gleichviel ob ste von Pappen, die der Beklagte geliefert hat, her-
rühren oder nicht, in Gegenrechnung zu nehmen hat, da es für diesen Fall zugleich auch in-
direkt als erwiesen anzusehen und aus der ganzen Sachdarstellung des Beklagten geschloffen
werden muß, daß auch die angeblich unter den Parteien geschloffene zweite Vereinbarung,
welche nur eine Erweiterung bez. Ergänzung der ersten insofern enthält, als in ihr ein
Maximalmaß der vom Beklagten dem Kläger abzunehmenden Späne festgesetzt ist, ohne daß
damit die erste Vereinbarung theilweis aufgehoben oder gar völlig außer Kraft gestellt wor-
den ist, in Wahrheit nicht besteht.

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