Full text: Volume (Bd. 6 (1896))

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Genset, Unsre Juristensprache.
daß wir im Deutschen für das Fremdwort Interesse kein Wort haben, das dessen
sieben oder acht verschiedne Bedeutungen erschöpfend wiedergäbe. Andern ist die
Frage eine Tertianerfrage; wie sollten sie, die sie der Welt die Gesetze geben, sich
um daS kümmern, was da etliche Schulmeister vorschreiben wollen! Wieder andre
halten ihr Kanzleideutsch sogar für besonders vornehm und schön: je höher die
Stelzen, desto erhabner der Gang. Noch andre sehen wohl die Gebrechen, aber
sie sind zu bequem, etwas für die Heilung zu thun. Und daß die Zahl derer,
die sich redlich um ein schlichtes Deutsch mühen, nicht zu groß werde, dafür
sorgen die Vorgesetzten, indem sie den jungen Leuten zu dem Fremdwörterschwalle,
den diese den Universitätsprofessoren abgesehen haben, noch die Schwulst der Ak-
tensprache aufnöthigen. Ein Zustand — wahrhaft betrübend für den, der seine
Muttersprache liebt und aus das Ansehen deS Juristenstandes bedacht ist.
Der Durchschnittsjurist liest außer Zeitungen nicht viel mehr als seine Fach-
zeitschriften. Vielleicht achtet der und jener einmal auf ein Mahnwork, wenn es
ihm in einer Fachzeitschrift entgegenkitt.
Auf das Fremdwörterunwesen soll hier nicht näher eingegangen werden.
ES läßt sich darüber nichts mehr sagen, was nicht schon hundertmal gesagt worden
wäre. Wem jetzt noch nicht die Augen darüber aufgegangen sind, daß es unrecht
und unschön') ist, Fremdwörter zu gebrauchen, für die wir gute oder gar bessre
deutsche Wörter haben, dem sind sie überhaupt nicht zu öffnen?) Nur auf eins
möge hingewiesen werden. Biele, die sonst nicht für Fremdwörter eingenommen
sind, verwenden doch mit Vorliebe ftemde Verhältniß- und Umstandswörter und
andre untergeordnete Satzbautheile: ad, sab, pro (pro Kopf, pro Jahr), per (Reise
per Wagen, Kündigung per Ostern), L (ä, Stück, ä 1 -M), circa, extra, exclu-
sive, a. c., etc., pp., resp., ib., eodem (fälschlich für eodem die) 1. c., cf.
§ cit?) j ct. § 10 leg. cit., no. und viele andre. Solche Brocken sind aber viel auf-

'1 Dr. Lönholm, sächs. Landgerichtsrath, gegenwärtig Dolmetsch bei der deutschen
Gesandtschaft in Tokio und Professor des deutschen Privatrechts an der dortigen Universität,
macht in seinem kürzlich erschienenen Handbuche des japanischen Handelsrechts folgende Be-
merkung, die zu denken giebt: Wer Anstoß nimmt an der in diesem Buche unternommenen
Ersetzung vieler altgewohnter Fremdwörter durch deutsche Wörter, der möge bedenken, daß
ein Mann, der sein Leben im Auslande lebt und dessen Ohr in bunter Mischung japanische,
deutsche, englische und ftanzösische Laute umklingen, allmälig empfindlicher und ich möchte
behaupten feinfühliger wird in Beziehung auf die fremden Lautgebilde, die sich mißtönig in
die Muttersprache hineindrängen und ihre Reinheit trüben.
Zu den Unverbesserlichen gehört der Verfasser eines sächsischen Nachschlagewerks, der
noch in der neuen Ausgabe von 1885 durchgängig p (pagina) schreibt. • Oder sollte ihm viel-
leicht ein feiner Unterschied zwischen pagina und Seite aufgegangen sein?
”) Viele schreiben: vgl. den 8 eit. Wie wollen sie nur daS eit. ergänzen? Para-'
graphusift weiblich» den ist männlich. Soll man etwa ergänzen: den paragraphuni
citatam? oder: den Paragraph citatum?

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