Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 4 (1894))

Zu § 1563 des B.G.B.'s. „Reizen" von Thieren. gZtz
bleiben, als nicht mindestens behauptet ist, daß eine derartige Gelegenheitsursache
tatsächlich vorhanden gewesen ist. Dies ergiebt sich aber weder aus der Streit-
verhandlung noch aus den Ergebnissen der Beweisaufnahme. Es muß daher bis
auf weiteres angenommen werden, daß die eine nachgewiesene Ursache (das Brüllen)
die Wirkung (das Scheuwerden der Pferde) wirklich herbeigeführt habe. Hiernach
ist der Beweis dafür, daß die Pferde der Beklagten in Folge des Gebrülles der
wilden Thiere durchgegangen sind, nach der Ueberzeugung des Berufungsgerichtes
für erbracht anzusehen. .
Damit entsteht die weitere Frage, ob das Brüllen der wilden Thiere als
ein. „Reizen" im Sinne des § 1563 des B.G.B.'s aufzufassen ist.
' Aus dem Gesetzbuch selbst ist nicht zu entnehmen, in welchem Sinne das
Wort „Reizen" an der angezogenen Gesetzstelle gebraucht ist.
Siebenhaar, Kommentar zu 8 1563 beschränkt sich auf die Bemerkung: was
unter „Reizen" zu verstehen sei, sei quaestio facti. Der Sprachgebrauch des ge-
wöhnlichen Lebens nimmt dieses Wort in verschiedenem Sinn. Auch von leblosen
Dingen sagt man, daß sie reizen. Der Anblick des Goldes reizt den Dieb, das
Gewürz reizt den Gaumen, das Licht reizt das Auge. Hat in diesen Redewen-
dungen das Wort „Reizen" kaum eine andere Bedeutung als die ganz allgemeine
„eine Wirkung hervorbringen", so wird es in anderem Zusammenhang in dem
engern Sinne verstanden, daß der Reizende die Wirkung beabsichtigt habe und endlich
in dem engsten Sinne, daß auf Seiten des Reizenden die Absicht eine zu miß-
billigende sei und auf Seiten des Gereizten die Wirkung in der Erzeugung eines
Affektes bestehe, so wie man sagt, daß jemand durch das Verhalten eines andern
erst gereizt worden ist.
Wenn nun das Gesetz an der angeführten Stelle davon spricht, daß ein
Thier durch ein anderes gereizt wird, so fällt es an sich schon bedenklich, bei ver-
nunftlosen Wesen wie Thieren von einer „Absicht", also einem ausgeprägten Wil-
len, den zukünftigen Erfolg zu bewirken, zu reden. Zum Mindesten aber wird die
Erkennbarkeit einer solchen bei unserm mangelhaften Verständniß für das Seelen-
leben der Thierwelt in den meisten Fällen fehlen. Die Möglichkeit, das Vor-
handensein der Absicht nachzuweisen, ist sogar in jedem Falle ausgeschlossen.
Will man daher der Anwendbarkeit jener Gesetzstelle nicht den Boden entziehen, so
wird man nicht umhin können, bei dem Reizen von Thieren vom Erforderniß einer
auf Herbeiführung des Erfolgs gerichteten. Absicht abzusehen und lediglich einen
Ausdruck des thierischen Seelenlebens auf der einen Seite mit. dem Erfolg
auf der andern Seite zu verlangen, daß das gereizte Thier aus seiner gewöhn-
lichen Ruhe aufgeschreckt wird und im weiteren Verlaufe, insoweit es sich unter
der Herrschaft eines Menschen befindet, sich dieser infolge der Einwirkung des „rei-
zenden" Thieres entzieht.
Mit dieser Auslegung des Gesetzwortes „Reizen" steht auch die neuerliche
Entscheidung des'Königl. Oberlandesgerichts — vergl. Annalen Bd. 14 S. 191
— nicht im Widerspruche. Dieselbe führt aus, daß unter dem Begriffe des „Rei-
zens der Thiere untereinander solche Aeußerungen des Thierischen Seelenlebens
fallen, die einem der Thierischen Natur innewohnenden besonderen Triebe zur An-
reizung entspringen und als solche dem anderen Thiere gegenüber in die äußere
Erscheinung treten.
Im gegenwärtigen Falle haben die in der Schaubude aufhältlichen Thiere
ihren Empfindungen — vermutlich denen des Mißbehagens Hungers u. dergl.
— auf natürliche Weise durch Brüllen Ausdruck gegeben. Diese Aeußerungen ihres
Archiv für Bürgerl. Recht «.Prozeß. IV. 40

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