Full text: Volume (Bd. 4 (1894))

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Opitz, lieber das Anerbenrecht.

Wenn eine solche Auffassung und rechtliche Behandlung des Grund und
Bodens nicht schon jetzt zu einer völligen Auflösung des Grundbesitzes in Zwerg-
wirthschaften geführt hat, so ist dies einestheils der Zähigkeit zu danken, mit der
der Bauer erfahrungsgemäß im größten Theile Deutschlands an seinem Besitze
festhält, anderntheils dem Umstande zuzuschreiben, daß man in einzelnen Deutschen
Staaten, noch rechtzeitig auf die in einer solchen Auffassung liegenden schweren
Nachtheile für das Gesammtwohl aufmerksam geworden, durch schützende gesetz-
geberische Maßnahmen den üblen Einflüssen jener Auffassung den Boden zu ent-
ziehen gesucht hat. In Sachsen ist dies im Jahre 1843 durch das Gesetz über
die Beschränkung der Theilbarkeit der geschlossenen Güter geschehen und diese
Maßnahme kann gerade für das engere Vaterland nicht hoch genug angeschlagen
werden. Denn denkt man sich, daß die Entwickelung der vaterländischen Industrie
in der Folgezeit in gleicher Weise sich vollzogen hätte, wie es thatsächlich geschehen,
und daß den im Gefolge dieser Entwickelung aufgetretenen staats- und gesellschafts-
zersetzenden Bestrebungen der breiten Massen nicht die gefestigte, staatstreue Ge-
sinnung des ländlichen Grundbesitzes gegenübergestanden hätte, dann vermag man
zu ermessen, in welch unheilvolle Verwirrung die Verhältnisse unseres engeren
Vaterlandes ähnlich (etwa denen Belgiens) hätten gerathen müssen.
Freilich bildete jene Gesetzgebung über die Beschränkung der Theilbarkeit
nur einen unzulänglichen Nothbehelf gegen die hervorgehobenen Gefahren. Denn,
wenn es auch mit Hilfe derselben gelungen ist, den geschlossenen Grundbesitz, in
Sachsen im Wesentlichen in dem Umfange zu erhalten, in dem er zur Zeit des
Erlasses jenes Gesetzes bestanden hat, so hat diese Gesetzgebung doch eine andere
Gefahr für den Grundbesitz damit nicht zu beschwören vermocht, ja dieselbe sogar
stellenweise gesteigert, nämlich die Gefahr einer Erschwerung der längeren Er-
haltung des Grundbesitzes in denselben Familien. Diese Gefahr steht
derjenigen der Zertrümmerung des Grundbesitzes an Folgenschwere vielleicht nicht
völlig gleich, bedarf aber gleichwohl der vollen Aufmerksamkeit einer Gesetzgebung,
welche auch die Wahrung der Interessen des Grundbesitzes sich zur Aufgabe macht.
Bei der Erschwerung, welche die große Verschiedenheit der Bodenverhältnisse
der Sammlung von Erfahrungen in der Bewirthschaftung des Grund und Bodens
entgegensetzt und der langen Dauer, welche solche Erfahrungen beanspruchen, ist
aus eine thunlichste Vererbung des Grundbesitzes in derselben Familie großes Ge-
wicht zu legen. In jedem Falle, wo der auf dem Grundstücke großgezogene und
mit den Erfahrungen auch seiner Eltern und Voreltern in Bezug auf die Bewirth-
schaftungsweise seines Besitzes ausgestattete Nachkomme einem mit solchen Erfah-
rungen nicht ausgerüsteten Dritten Platz machen muß, bedeutet dies für den be-
treffenden Besitz einen Verlust, der, je öfter und je allgemeiner er eintritt, sich
umsomehr zu einem Verluste am Volksvermögen steigert. Diese Fälle des Ueber-
gangs des ländlichen Besitzes an Dritte werden aber bei einer Beschränkung der
Theilbarkeit des Grundbesitzes ohne gleichzeitige entsprechende Regelung des Erb-

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