Full text: Volume (Bd. 4 (1894))

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Unfallversicherung.

bewirkt und in deren Folge Geisteskrankheit cintritt, in deren Verlaufe
der Versicherte sich selbst entleibt- Zahlungspflicht des Versicherers in diesem
Falle, obwohl nach dem Versicherungsverträge Selbstmord jeder Art von
der Versicherung ausgeschlossen ist- Anforderungen an den Beweis des
Kausalzusammenhangs zwischen Unfall und Tod. Ungünstiger Einfluß
von Maßnahmen, die während der Krankheit mit ärztlicher Zustimmung
ergriffen worden sind. Verletzung der in den Versicherungsbcdingungen
statuirten Pflicht zur Anzeigcerstattung nach eingetretcnem Unfälle; Trag-
weite solcher Bestimmungen.*)
A.
O.L.G. Dresden, UrtheU vom 30. März 1894. 0. II. -174/93.
Der Bezirkshausverwalter Z. in T. war laut Police vom 24. Januar 1890
und Nachtrags vom 7. Januar 1892 bei der beklagten Gesellschaft gegen Unfall
und zwar für den Todesfall mit 50000 Mk. versichert. Er war im Jahre 1890
von der Influenza befallen worden; Anfang August 1892 erkrankte er an Bronchial-
katarrh dergestalt, daß er einige Tage im Bett verbringen mußte, dann ging er
noch im August 1892 auf ärztlichen Rath nach dem Warmbad Wolkenstein, wo
er von dem Anstaltsarzt Dr. K. behandelt wurde. Am 26. August 1892 Abends
stürzte er, als er in Gemeinschaft mit andern Kurgästen eine in der Nähe des
Warmbades gelegene Schankwirthschaft besucht hatte, in der Dunkelheit von einer
Terrasse herab und fiel auf die Brust; er zog sich dabei einen Bruch der sechsten,
siebenten und achten linken Rippe zu. Er ging noch, von seinen Begleitern unter-
stützt, nach Warmbad Wolkenstein zurück, wurde fortgesetzt von Dr. K. behandelt
und kehrte am 31. August nach T. zurück, bis Leipzig mit der Eisenbahn, von da
unter Benutzung einer Droschke. Sein Zustand war schon bei der Ankunft in T.
ein ungünstiger und verschlimmerte sich bis zum Tode stetig. Bei der am 4. Ok-
tober 1892 vorgenommenen Leichenöffnung, ausgeführt von dem Professor Dr. K. und
dem Vertrauensarzt der Beklagten wurde der obere Lappen der linken Hunge durch
Lungenbrand fast vollständig Zerstört befunden. Die Wittwe Z.'s, die seine Erbin
geworden, klagte auf Bezahlung der 50000 Mk. nebst Zinsen.
Die erste Instanz (L.G. Leipzig) verurtheilte nach dem Klagantrage; vor-
nehmlich war die Entscheidung auf das Gutachten gestützt, das der Geheime Me-
dicinalrath Professor l)r. Birch-Hirschfeld in Leipzig abgegeben hatte. Die Beklagte
brachte im Berufungsverfahren die gutachtliche Auslassung eines anderen namhaften
Lehrers der Heilkunde an einer deutschen Universität bei, der in einzelnen Punkten
in seinen Aussprüchen von denen des gerichtlichen Sachverständigen abwich. Das
Berufungsgericht wies die Berufung zurück, in den Entscheidungsgründen ist Folgen-
des ausgeführt:
I. 1. Für den Inhalt und Umfang der Verpflichtungen der Beklagten sind
die „allgemeinen Versicherungsbedingungen" maßgebend, welche dem Policennachtrage
vom 7. Januar 1892 beigefügt sind. Danach versichert die Beklagte „gegen die
Folgen von Unfällen, d. h. körperlichen Beschädigungen, von welchen der Versicherte

*) Da die Versicherungsbedingungen der verschiedenen deutschen Unfall-Versicherungs-
gesellschaften in den wesentlichen Punkten gleichartige Bestimmungen zu enthalten pflegen,
dürsten die mitgetheilten Entscheidungen, obwohl sie nur die Auslegung der Versicherungs-
dedingungen einer einzelnen Gesellschaft zum Gegenstände haben, allgemeineres Interesse bieten.
Die Redaktion.

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