Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 4 (1894))

Frese, Der Richter als Vertrauensmann und Rathgeber. 273
geschäft überträgt (R.A.O. § 26 i. V. m. Z 47 der G.O. s. R.A..; Sachs.
Adv.O. 88 1 und 10). Ein solcher Eingriff des Richters in die Befugnisse der
Anwälte ist aber bei weitem weniger harmlos, wie der in die Befugnisse eines
anderen gleichgeordneten Richters. Denn das Gesetz legt den Anwälten nur aus-
nahmsweise die Verpflichtung auf ohne Entgelt thätig zu werden. Die Rathser-
theilung ist ihnen vielmehr als ein Theil der entgeltlichen Geschäfte übertragen, in
deren Erledigung sie nicht nur die Erfüllung ihrer Berufspflicht, sondern auch
die Einkünfte ihres Amtes finden sollen. Jeder Eingriff eines Richters in den
Geschäftskreis der Anwälte enthält deshalb zugleich eine unbefugte Schmälerung
derjenigen amtlichen Einkünfte, die das Gesetz den Anwälten im Interesse ihres
Standes gesichert wissen will.
V. Das Ergebniß dieser Betrachtungen entspricht dem dermaligen Stande
der Gesetzgebung, die für den Richter allein maßgebend ist. Die Laien dagegen
möchten vielfach dem Richter die Ertheilung von Rechtsrath in weit größeren Um-
fange übertragen wissen. Wiederholt sind in parlamentarischen Versammlungen
Aeußerungen gethan worden, wonach es schien, als solle insbesonders der Amts-
richter für seine Gerichtsbefohlenen der vertraute Rathgeber in aller Noth sein, und
thatsächlich wird er auch in Sachsen in weiten Kreisen der Bevölkerung als
solcher angesehen. Besonders bemerkenswerth sind aber wegen der darin geäußerten
Wünsche und Hoffnungen die folgenden Ausführungen, die kürzlich in einem viel-
gelesenen Berliner Blatte (Tägliche Rundschau v. 10. Januar 1894.) enthalten
waren und von da den Weg durch verschiedene andere öffentliche Blätter gefunden
haben.
„Durch die Künstlichkeit und Förmlichkeit unseres Gerichtsverfahrens, durch
die Unmasse verschiedener Gesetze findet (sich) ein Gebildeter kaum ohne Fährnisse
hindurch, viel weniger ein einfacher Arbeiter. Und diese kleinen Leute brauchen
auch schon für Klagen, Beschwerden und Wünsche aller Art an die Behörden,
Verwaltungen u. s. w., da sie selbst nicht genug schriftgewandt sind oder nicht
genug Selbstvertrauen besitzen, fach- und rechtskundige Hilfe. Da aber die In-
anspruchnahme eines Rechtsanwaltes Kosten verursacht, so nimmt der im Bedräng-
niß gerathene Arbeiter meistens zum Winkelkonsulenten seine Zuflucht, dessen Hilfe,
oft von ganz zweifelhaften Werthe, obendrein auch nicht viel billiger zu sein pflegt.
Um diesem Uebelstande abzuhelfen, haben nun einige Gerichte preußischer Groß-
städte, z. B. Breslau, die dankenswerthe Einrichtung getroffen, daß an jedem
Werktage in bestimmten Stunden ein rechtskundiger Wochendeputirter,
welchem die nöthigen Schreibkräfte beigegeben sind, die Anträge des ärmeren
hilfsbedürftigen Publikums entgegen nimmt, unentgeltlich bearbeitet und Rath
ertheilt. Keiner der dort manchmal in großer Anzahl erscheinenden Hilfsbedürf-
tigen wird abgewiesen oder unfreundlich behandelt. Die behördliche Anweisung
lautet dahin, daß jeder, auch der kleinste Antrag möglichst berücksichtigt wird.
Diese Einrichtung hat entschieden großen sozialen Werth und verdiente
Archiv für Dürgcrl Recht u. Prozeß. IV. '18

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