Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 4 (1894))

Degenkolb, Johannes Emil Kuntze. -j-

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sei es gegen wen eS wolle. Geholfen hat er vor allem an der inneren Mission,
lange Jahre, mit größter Aufopferung, in unermüdeter Arbeit bis an seinen
Tod. Von seiner Kampfbereitschaft in Ueberzeugungssachen liefern seine Schrift
über die Todesstrafe und seine männlich besonnene Streitschrift „für und wider
Jhering" beredtes, aber keineswegs das einzige Zeugniß.
Kuntze war nicht ohne Selbstbewußtsein, aber es war das Selbstbewußtscin
männlicher Wahrhaftigkeit ohne alle Spur von Eitelkeit oder Selbstüberhebung,
vielmehr gepaart mit größter Schlichtheit, Anspruchslosigkeit und Milde. In
seiner letzten größeren Schrift hat er uns eine Art von Selbstbekennlniß hintcr-
lassen: in seiner anziehenden Fechner-Biographie.") Wer Kuntze recht verstehen
will, müßt: Fechner kennen. Im Hause dieses bedeutenden Mannes, seines
mütterlichen Oheims, ist er ausgewachsen. Manche Seiten in Kuntze's literarischer
Produktion: vor Allem die Vielseitigkeit und das Beziehungsreiche in seinen
Schriften scheinen auf Einfluß Fechner's hinzudeuten, in dessen Person sich Natur-
forscher, Philosoph, Publicist und Dichter zusammenfanden. Diesem Einfluß und
der sofort sich aufdrängenden Frage nach seinem Verhältniß zu der eigensten ur-
sprünglichen Geistesanlage unseres Kuntze nachzugehen, wäre verlockend genug.
Aber ich kann es nicht unternehmen. Nur eines doppelten, beide Männer verbin-
denden gemeinsamen Grundzugs sei gedacht: ihrer Abkehr von äußeren Dingen
und ihrer bis an ihr Lebensende »mgebrochenen Arbeitskraft und Arbeitslust.
Kuntze, das Pflegekind des Fechner'schen Hauses, sah vor Augen eine geistig reiche
Welt in einfachen äußeren Verhältnissen: bis an sein Ende hat er nur uach geistigem
Besitz gefragt. Fechner schied mit 81 Jahren fast unmittelbar vom Arbeitstisch
aus dem Leben. Kuntze, bis zuletzt von völlig ungeminderter jugendfrischer
Geisteskraft, versuchte noch seiner letzten Krankheit die Arbeit im akademischen
Lehramt und in der inneren Mission abzuringen. In beider Dienst ist er ge-
storben: für uns Alle zu früh. Im Kreise derer, die ihn kannten und darüber
hinaus in allen Kreisen, denen er wirkend zugehörte, vor Allem im Kreise seiner
Fachgenossen, der akademischen wie der nicht akademischen, lebt er fort, tief be-
trauert, in ehrendem Gedächtniß.
") Gustav Theodor Fechner (Or. Mises). Ein deutsches Gelehrtenleben.
(1892).

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