Full text: Volume (Bd. 14 (1853))

Ueber die Civilehe und ihre neuesten Anfechtungen. 49
diesen, ohne allen Revers, hatte für Protestanten nichts Er-
schreckendes.
Allein den Eifer aufzuregcn, dafür gibt es kaum ein besseres -
Mittel als Unduldsamkeit und Verfolgung. I. K. Böhmer4) be-
zeichnet sehr schön den Zweck der Kirche so: Constituit ecclesia extern»
corpus aliquod externum, sed finis primarius et adaequatus non re-
spicit externum et civile aliquod bonum, sed spirituale, ut Christiani
omnes uno ore Deum colant, se ipsos ad veram pietatem et sinceram
poenitentiam excitent, infirmos erigant, impoenitentes ad veram sa-
lutis viam deducant et verbo vitae se alant, ut in Christianismo
quotidie proficere possint. Während seines Streites mit der katho-
lischen Kirche wäre Luther wahrscheinlich nicht mit dieser schönen
Bezeichnung des kirchlichen Zweckes zufrieden gewesen, sondern hätte
zum wenigsten hinzugesetzt: den gegenseitigen Schutz für die Freiheit
der Gewissen, die gemeinsame Bekämpfung der Irrlehren. Wir,
die wir nicht mit Kaiphas fragen: was ist Wahrheit? sondern
unsre eigene religiöse Ueberzeugung haben, die wir mit Unduld-
samkeit angefochten, mit allen Mitteln verfolgt sehen, richten uns
aus dem Schlummer empor und, bei §ller Liebe gegen unsere anders
denkende Brüder, greifen wir zu den Waffen einer abgenöthigten
Vertheidigung. Schon längst und zumal nach den Vorgängen am
Rhein hat sich der Eifer der Protestanten für den Schutz ihrer Frei-
heit, ihres Friedens, ihrer Familien, gegen die an den Tag getretene
Intoleranz der katholischen Kirche neu belebt. Die Verbindung
junger Christen, die in verschiedenen, aber nicht feindseligen Glau-
bensbekenntnissen erzogen und unterrichtet worden sind, nicht zu
hindern, ein von Gott geknüpftes Seelenband nicht zu zerreißen,
weil der eine Theil den Papst für den Statthalter Christi hält, der
andere nicht, das scheint dem Geist des Christenthums vollkommen
gemäß zu sein; aber den von den Vorfahren empfangenen Glauben
der Form nach zu bewahren, der Sache nach aber so zu verachten
und zu verrathen, daß man sich ein Versprechen des Abfalls noch
ungeborner Kinder abdringen läßt, zumal als Mann, als
Vater dieser Kinder, darin liegt etwas, das über Toleranz hinaus-
geht und beinahe Stumpfsinn verräth. Protestanten und viele ein-
sichtsvolle Katholiken fühlten, daß die sich wiederholenden Beispiele

4) Jus ecclesiast. T. l. p. 5.
Zeitschrift für deutsches Recht. 14. Bd. i. H.

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