Full text: Volume (Bd. 14 (1853))

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Verfassung und Recht auf Helgoland.
indessen keine Rechtskandidaten und Postillione. Ein bestimmtes Hei-
rathSalter scheint auf der Insel nicht erfordert zu werden. Nach
der Konfirmation, mit 15 Jahren, gehen die jungen Leute meist
schon auf's Heirathen aus, wenigstens auf's „Freien". Es gibt
eine Menge Ehemänner von achtzehn, neunzehn Jahren. Ueber-
haupt hat das Eingehen einer Ehe nicht so viel Schwierigkeiten als
das Trennen. Viele bürgerliche Erfordernisse kennt man nicht. El-
terliche Einwilligung und eheloser Stand ist die Hauptsache. Ver-
botene Verwandtschaftsgrade kommen, trotz der vielen Verwandt-
schaften und Schwägerschaften durch einander, selten vor. Nach
einer königlichen Verordnung vom 4. Juli 1800 sind die Ehen bei
Seiten-Verwandtschaften zweiten Grads kanonischer Zählung in glei-
cher Linie schon ohne Dispensation gestattet. Beim zweiten Grad
ungleicher Linie kann dispensirt werden. Für Helgoland würde.es
aber an einer deßhalbigen Behörde fehlen, obwohl, wie versichert
wird, der Gouvernör sich zu solchen Entbindungen vom Gesetz
für ermächtigt halten soll. Neffen und Tanten rc. können daher
keine Ehe schließen. Vom kirchlichen Aufgebot und von der Ver-
bindlichkeit, sich in der Kirche trauen zu lassen, dispensirt ebenfalls
der Gouvernör, nach Art der sonst üblichen sog. „Königsbriefe",
obwohl er der lutherischen Kirche nicht angehört. In Schleswig
sind gewisse Unterbeamten mit der Ertheilung der Königsbriefe be-
auftragt. Zu solchen Dispensationen wird meist nur in Eilfällen
gegriffen, wie deren auf Helgoland ein paar eklatante vorgekom-
men sind.
Bemerkenswerth ist die Sitte einer Art Vorehe auf Helgoland.
Haben die jungen Liebenden und Verlobten die elterliche Einwilli-
gung erlangt, so beginnt der „Freier"- Stand; der Freier hat das
Recht, die Braut dreimal wöchentlich und neuerdings nach Be-
lieben in ihrem Zimmer zu besuchen. Dieses Verhältniß dauert
oft mehrere Jahre lang und zwar, mit wenigen Ausnahmen, bis zu
erfolgter Schwängerung. Dann darf der junge Mann nicht mehr
zur See, bis der kirchliche Segen erlangt ist; und unauslöschliche
Schande würde ihn treffen, wollte er die Verlobte noch sitzen las-
sen. Bis dahin aber ist der Rücktritt statthaft. Nachfolgende Ehe
gibt die Rechte der ehelichen Geburt, d. h. der Geburt in der Ehe,
nicht. Doch scheinen die Ansichten darüber schwankend zu sein.
Kirchliche Einsegnung ist nach der Kirchcnordnung von 1542 zur

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