Full text: Volume (Bd. 14 (1853))

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Weiske:

per contrarium gegründet wird, insofern etwas Auffallendes, als
dann das dotalitium, auf welches unsere Quelle doch so viel Rück-
sicht nimmt, in den meisten Fällen seine Bedeutung verliert. Denn
sind Kinder aus dieser Ehe vorhanden, so fällt es weg, und hin-
terläßt der Mann gar keine ehelichen Nachkommen, so fällt ihr die
ganze Verlassenschaft mit Ausschluß seiner Verwandten zu, und
senes kommt dann auch nicht in Betracht. Jedenfalls ist aber
noch zu bemerken, daß 623 auf die römische Jntestaterbfolgeordnung
zur Aushilfe verweist und sagt: omnibus his deficientibus uxor
succedit.
Sind bei dem Tode des Mannes unerwachsene, unausgesteu-
erte Kinder vorhanden, so findet keineswegs sofort die Erbtheilung
und Absonderung statt, es tritt vielmehr für die Hinterbliebenen
auch ohne besonderen Vertrag oder Testament das Rechtsverhält-
niß ein, welches man setzt gewöhnlich als den Bei sitz bezeichnet.
Dieß ist nach den deutschen Rechtsquellen sehr allgemein verbrei-
tet, und wird in Bezug auf die Witwe nur deshalb häufiger her-
vorgehoben, als wenn der Mann der Ueberlebende ist, dieser
ohnehin als Haupt der Familie das Ganze leitet und verwaltet.
Da aber nach seinem Tode die Witwe seine Stelle einnimmt, be-
darf dies der besonderen Feststellung. Der Beisitz ist auch nach
der vorliegenden Quelle nicht, wie dies später von den Romani-
sten geschah, als ein ususfructus des Ueberlebenden an dem hinter-
laffenen Vermögen der Kinder oder der Verlassenschaft überhaupt
anzusehen; ebensowenig wird sie aber auch Eigenthümerin der-
selben. Da man den Verstorbenen nicht wohl noch als den Ei-
genthümer betrachten kann, so muß man das Eigenthums- oder
Proprietätsrecht als ruhend während der Dauer des Beisitzes
auffassen; der Witwe steht nur die Verwaltung zum gemeinschaft-
lichen Vortheil und Nutzen zu, aber weder sie noch ihre Kinder
haben ihre bestimmten Antheile als ausschließliches Eigenthum.
Wie man in sener Zeit in Bezug auf die Körperschaften, da man
den Begriff der suristischen Person noch nicht kannte, über die
Frage, wer der Eigenthümer der Güter sei, gleichsam hinwegsah,
sie ruhen lies, oder bis zur klaren Beantwortung derselben mit
der suristischen Bildung noch nicht durchgedrungen war, so verhielt
es sich auch in Bezug auf den Beisitz. Da dies für das wirkliche
Leben keine Nachtheile brachte, so begnügte man sich auch dabei.

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