Full text: Volume (Bd. 14 (1853))

Ueber das Alter des Sachsenspiegels. 107
geworden sein, und wenigstens, auf die Meinung Einzelner Einfluß
geübt baden, daß das, was in der Lombardei als Recht förmlich pub-
licirr worden war, auch an der Elbe mindestens es als billig gelten
müsse. Die Worte, welk kerstenman oder wif ungelovig is . . .
den skal men up ener hord bernen, lassen sich sehr wohl auch V0N
einer bloßen Rechtsansicht des Verfassers verstehen — Ebendieselbe
Rechtsansicht konnte aber, in einer Zeit, wo das römische Recht in
Deutschland bekannt zu werden angefaggen hatte, allerdings auch
auf ein weit älteres Gesetz, auf 1. 8. §. 5 Cod. de haereticis (I. 5.),
um so mehr sich stützen, als es hier um ein kirchliches Verbrechen
sich handelte, und für kirchliche Angelegenheiten die Gültigkeit des rö-
mischen Rechts von jeher anerkannt war. Denn richtig erklärt spricht
die angeführte Stelle freilich nur von dem Verbrennen ketzerischer Schrif-
ten. Allein, nachdem in den vorausgehenden Paragraphen ketzerische
Versammlungen und das Einräumen von Häusern zum Zwecke solcher
Zusammenkünfte, sowie alle Diskussionen über ketzerische Lehren in
Wort und Schrift, ja selbst das blose Aufbewahren ketzerischer Bü-
cher bei Geldstrafe, körperlicher Züchtigung und Deportation unter-
sagt, auch alle Anhänger ketzerischer Meinungen für ehr- und hei-
mathlos erklärt sind; lassen sich, durch blose Einschaltung eines
Komma, die folgenden Worte' sehr leicht auch so wenden, als ob
der Feuertod wirklich gegen diejenigen Verbrecher selbst verhängt
werde, welche ketzerische Meinungen durch Lehre hätten zu verbreiten
gesucht: Ultimo etiam supplicio coerceantur, qui illicita docere
lentaverint. Omnes vero hujusmodi (,) chartae, ac libri, qui
funestam Eutychetis et Apollinaris complexi fuerint dogma, ineen-
dio concrementur, ut facinorosae perversitatis vestigia flam-
mis combusta depereant. Aequum namque est, ut immanis-
sima sacrilegia par poenae magnitudo percellat. —
Insbesondere aus den letzten Worten kann leicht das Mißverfländ-
niß entspringen, daß durchaus nicht allein von einer Bestrafung
ketzerischer Schriften, sondern mehr noch von den Verbreitern der
Irrlehren selbst hier allerdings die Rede sei. Und da für verwandte
Verbrechen, die auch der Sachsenspiegel neben der Häresis erwähnt,
14) Solche Rechtsansichten finden sich ja im Sachsenspiegel gar nicht selten,
und sogar in der Weise, daß der Verfaffer gegen das bestehende Recht
polemisirt. Wir erinnern z. B. blos an die Stelle, wo er gegen die
Rechtmäßigkeit der Leibeigenschaft sich erklärt.

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