Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 9 (1845))

Gegenwart und Zukunft des deutschen Rechts. 499
als wesentlich positive Momente des großen Literaturkörpers an,
der um diese Besonderung reicher ist, während wir im Rechte ge-
wohnt sind, als deutsches Recht nur dasjenige aufzufassen, was
außer dem Rechte der einzelnen Staaten liegt, so daß von beiden
Seiten das, was man deutsches Recht nennt, im Verhältniß zu
dem gesummten Rechte in Deutschland nur etwas sehr dürftiges
ist. Man kann zwar gegen die vorstehende Parallele zunächst
einwenden, daß im Rechte die Sonderung des aufgenommenen
fremden Rechts, sowie des Rechts der einzelnen Staaten von dem
allgemeinen Rechte eine viel größere sei, als die ähnliche Sonde-
rung in der Literatur, allein mit Unrecht.
Für ein ähnliches Verhältniß in beiden Gebieten spricht schon'
das, daß Literatur und Recht nur Seiten des Einen National-
Bewußtseins sind, das in seiner zeitlichen Entwicklung, wie in
seiner zugleichseienden Ausbreitung in allen Formen seiner Wirk-
lichkeit Ein Ganzes bildet, das darum in der Literatur keinen von
dem Rechte durch ans abweichenden Entwicklungsgang nehmen kann
und nehmen konnte. Dieß weift einmal die Thatsache nach, daß
die Aufnahme fremder Elemente in Literatur und Recht historisch
beinabe ganz parallel geht, der Einfluß der classischen Studien
und des römischen Rechts, die Aufnahme der italienischen Literatur
und die Anlehnung des Strafrechts an Italien, die Rechtsbildung
englischer Muster und die Einwirkung der englischen Rechtsphilo-
sophie , die Uebertragung französischer Cultur und französischer
Rechtsansichten. Es zeigt sich aber weiter in der Beziehung zwi-
schen der Literatur und der Rechtsbildung, wie solche am eviden-
testen in neuerer Zeit in der Einwirkung sich darstellt, welche die
Entwicklung unserer Nationalliteratur, besonders der Philosophie
auf die Ausbildung der Rechtswissenschaft in Deutschland gewon-
nen hat.
Was aber das besondere Verhältniß der Rechtsentwicklung
betrifft, so kommt im Allgemeinen in Betracht, daß schon an sich
die Aufnahme eines fremden Rechts nothwendig dessen Assimilation
in das Rechtsbewußtsein des Volkes mit sich bringt. Die Fort-
bildung des Rechts im Leben durch Rechtsanwendung bedingt eine
Aufnahme desselben in das Bewußtsein der das Recht anwenden-
den Gerichte, sowie eine Fortbestimmung zu concreter Gestaltung,
was beides eine Assimilation dieses Rechts mit dem sich fortbilden-

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