Full text: Volume (Bd. 9 (1845))

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Reyscher:

weil und in soweit er rezipirt worden, so muß auch das römische
Recht heute noch anerkannt werden, weil und in so weit es erweislich
eingedrungen ist; aber es gilt hier nicht als fremdes, sondern als
eigenes Recht. Man könnte zwar entwenden, die Anerkennung als
Hülfsrecht bringe mit sich nicht blos vergangene, sondern auch künf-
tige Fälle der Anwendung, und es sei nicht erst zu untersuchen, ob
römisches Recht in einer einzelnen Lehre ausgenommen sei, sondern
es verstehe sich seine Anwendung von selbst vermöge der Subsidiari-
tät. Allein einmal ist diese in einem großen Theile von Deutsch-
land durch die neuen Gesetzbücher wieder aufgehoben worden, so-
dann aber verstand sich dieselbe, wie bemerkt worden, ursprüng-
lich nicht so, daß römisches Recht ohne Unterschied herbeizuziehen
sei, sondern nur daß damit, soweit es orts- und zeitgemäß, die
Lücken des einheimischen Rechts zu ergänzen. Das römische Recht
sollte also nur an die Stelle des bis dahin von den Schöppen
hülfsweise angewandten arbitrium treten; ob es aber anwendbar
und wie weit hatte setzt das arbitrium der Rechtsgelehrten zu ent-
scheiden. Es verhält sich also damit wie mit der Berufung unserer
Quellen auf mosaisches Recht als „göttliches Recht" (jus di-
vinum) 143). So aufrichtig diese Berufung gemeint war, so wollte
damit doch nicht das ganze mosaische Recht ausgenommen werden,
sondern die Gottesgelehrten und die Rechtsgelehrten hatten zu be-
rathen, wie weit dasselbe zur Anwendung in dem christlichen
Gemeinwesen tauglich oder nicht. Nicht leicht wird es auch jetzt
noch einem Juristen einfallen, die mosaischen Satzungen, sei es auch
nur in einzelnen Lehren (Eherecht, Zehntrecht) für anwendbar zu
halten; aber sie gelten, so weit sie erweislich ausgenommen sind
und kraft ihrer Aufnahme. Hiernach beschränkt sich aber der Werth
des fremden Rechts von selbst theils auf seine wissenschaftliche
Bedeutung, theils auf seinen praktischen Gehalt im heutigen
Rechte.
Was bisher von dem römischen und zulezt noch vom mosai-
schen Rechte gesagt ist, gilt mit gleichem Grunde von dem kanoni-
schen und longobardischen Recht. Zwar was das kanonische
Recht betrifft, so scheint dieses vor dem römischen aufgekom-
men zu seyn. Schon auf den fränkischen und altern deutschen

145) S. schon kaiserl. Lande. §• l b. 148. 201.

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