Full text: Volume (Bd. 9 (1845))

Die Einheit des deutschen Rechts.

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verschiedene"Niederschlag beider Rechte in der Praxis erklärt. Die
Methode selbst aber zeigt sich namentlich darin, daß das römische
Recht überall nur in der Gestalt eingedrungen ist, worin es die
Glossatoren gefunden und bearbeitet haben. Auch die Lehrmeinun-
gen der Glossatoren und der späteren Commentatoren genossen gro-
ßes Ansehen und dienten zur Vermittlung zwischen den alten Rechts-
büchern und dem neuen Leben der Gegenwart. Dieß erklärt sich
nicht sowohl aus der Stellung der Gelehrten im einstigen Rom,
als vielmehr au > dem Grundsätze des kanonischen Rechts: lex sit
loco temporique conveniens 142). Da die Reichsgewalt keine
zureichende Vermittlung für die Modisicationen des römischen Rechts
darbot, so übernahm es Heils die Kirche, theils die Schule, dem
Inhalte jener Rechte eine brauchbare Deutung zu geben. Daher
der ältere Gebrauch nicht blos der italienischen, sondern auch der
deutschen Praktiker, statt des Terts der römischen und kanonischen
Rechtsbücher die Glossatoren und Commentatoren derselben zu be-
nüzen. Die Verfasser der reformirten Stadt- und Landrechte mach-
ten es nicht anders; daher sind auch diese, so weit fremdes Recht
dabei benüzt ist, zunächst aus jenen älteren Schriften noch jezt zu
erklären.
3) Stellen wir uns endlich auf den Standpunct der heutigen
Wissenschaft, so wird es natürlich keinem Gelehrten, der die Ge-
schichte seines Vaterlandes auch nur auf Gymnasien kennen gelernt
hat (freilich ist's noch nicht lange her, daß es dort neben grie-
chischer und römischer Geschichte auch eine deutsche gibt) mehr ein-
fallen , das römische Recht für echtes deutsches Kaiserrecht auszu-
geben. Man wird vielmehr die gesetzliche Anerkennung desselben
in dieser Eigenschaft als einen großen Jrrthnm der früheren
Gesetze, hervorgebracht durch die Selbsttäuschung der Gelehrten, in
gleichem Maße betrachten müssen, wie dieß bei manchen kirchlichen
Quellen, z. B. dem Pseudisidor, seit lange der Fall ist. Wird
aber dadurch jene gesezliche Anerkennung aufgehoben L Keines-
wegs : denn ein Gesez besteht unabhängig von der Richtigkeit seiner
Beweggründe. Aber es folgt daraus nicht, daß das fremde Recht
nun noch weiter einzuführen sey, als dieß bereits geschehen, son-
dern wie der Pseudisidor in der Kirche als practisches Recht gilt,

142) S. oben Note 87.

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