Full text: Volume (Bd. 9 (1845))

Die Einheit des deutschen Rechts.

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Wächter, oder doch keine abändernde Wirkung desselben anerken-
nen, wie Thibaut, Mühlenbruch, folgerechter Weise auch nicht
die Ausnahme römischen Rechts daraus gründen können. Daher
müssen dieselben sich
4) auf gemeines Gewohnheitsrecht stützen. Darauf
gründet namentlich Wächter in Uebereinstimmung mitAelteren die
formelle Gültigkeit des römischen Rechts in complexu d. h. in dem
durch die Glossatoren behandelten Umfange10). Wir können hier
wieder die allgemeine Frage über die Existenz gemeiner Gewohn-
heiten und deren Verhältniß zur Gesetzgebung (ob nur ergänzende
oder auch abändernde Gewohnheiten zuläßig scyen) bei Seite lassen.
Auch wir nehmen ein gemeines Gewohnheitsrecht an, wir geben
ferner zu, daß römisches Recht, namentlich einzelne Arten von Rechts-
geschäften z. B. die ('ehre vom Testamente, auf diesem Wege aus-
genommen worden sind. Aber daraus folgt nicht, daß das römi-
sche Recht als ein Ganzes ausgenommen sei; vielmehr widerspricht
einer solchen Aufnahme nicht blos die Thatsache, daß eutgegenste-
hendes deutsches Recht forthin Ln Uebung geblieben, sondern auch
der Begriff des Gewohnheitsrechts. Die Rechtsgewohnheit ist nach
Puchta 77) die Uebung einer rechtlichen Ueberzeugung, welche die
unmittelbare Volksüberzeugung zur Quelle bat; kürzer ausgedrückt,

76) S. die oben Note 2 angef. Abhandlung S. 29. Dabei giebt er
S. 192 zn, daß viele Institute des römischen Rechts bei uns gar
nicht praktisch geworden, besonders viele vom öffentlichen Recht;
allein dies; widerstreite nicht der Regel, daß die Justinianischen
Rechtsbücher im Ganzen gelten, und daher bei Lücken des ein-
heimischen Rechts und mit den Modifikationen, die ihm die ein-
heimischen Verhältnisse nothwendig geben, oder die es durch spä-
ter stch bildende einheimische Quellen, namentlich durch Gewohn-
heiten erhalte, zur Anwendung zu bringen sei. Auch Saviguy,
System des heutigen römischen Rechts §. 17. u. 18. gründet die
Reception ans ein allgemeines Gewohnheitsrecht, wobei er jedoch
das Staatsrecht und mehrere dem Privatrecht angehörige Jnsti-
tnte von der Anwendbarkeit ansnimmt, mit der Bemerkung, daß
erst dem kritischen Geist neuerer Rechtswissenschaft gelungen sey,
die irrige Anwendung ganz (?) zu verdrängen, die früherhin vom
römischen Rechte versucht worden.
77) Puchta, Gewohnheitsrecht Bd. I. S. lll.

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