Full text: Volume (Bd. 9 (1845))

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zukam, bezahlt worden war. Der Bruch eines solchen Gelöbnisses,
durch welchen die Gottheit und die Rechtsgemeinschaft zugleich be-
leidigt wurden, wurde dann als eines der schwersten Verbrechen
angesehen und bestraft. So behandeln wenigstens die nordischen
Rechte, welche hierin gewiß der ursprünglichen germanischen Auf-
fassungsweise am treuesten geblieben sind, diesen Fall. Das longo-
bardische Recht 3) freilich begnügt sich damit, den Friedensbrecher
in diesem engern Sinne zur Entrichtung des doppelten Betrages
der empfangenen Composition anzuhalten; der Sachsenspiegel 4) aber
setzt auf jeden Bruch des gelobten Friedens, ohne Rücksicht auf das
Maß der Verlehnng, die Strafe der Enthauptung.
Es ist nun sehr interessant, zu bemerken, wie die alterthümliche
Sitte des Friedensgelöbnisses, in einer besonder« Gestaltung und nä-
hern Ausbildung, welche sie durch Gesetze erhielt, in der Schweiz
sich bis in die neuere Zeit, ja bis auf die Gegenwart erhalten hat.
Auch hier wurde dieselbe in früherer Zeit besonders dann angewen-
det, wenn Streitigkeiten, die in Folge von Rechtsverletzungen ent-
standen waren, durch gerichtliche oder außergerichtliche Sühne bei-
gelegt wurden. Ein Beispiel dafür gibt die Aussöhnung, welche
Graf Rudolf von Habsburg, der nachherige deutsche König, zwischen
zwei feindseligen Geschlechtern in Uri zu Stande brachte: beide ge-
lobten einander eidlich, in Zukunft den Frieden zu halten 5 6). Als
dann kurz darauf die eine Parthei ihren Schwur brach, wurden die
Frevler durch Urtheil der Gemeinde ihres ganzen Vermögens ver-
lustig erklärt ^). Ebenso wurde auch noch in sehr spater Zeit Ver-
gleichen, welche über eine begangene Missethat zwischen den Bethei-

3) Ed. Rotharis c. 143.
4) III, 9, 2. II, 13, 5. Ohne Zweifel sind auch in der letzter» Stelle
die Worte „unde den vride breitet" in dieser engern Bedeutung aus«
zulegen; dafür spricht sowohl die Uebereinstimmung mit der erster»
Stelle, als auch der Zusammenhang, indem hier der Friedensbrnch
mit mehrern andern Verbrechen zusammengestellt wird, welche in
jenem weitern Sinne ebenfalls Friedensbrüche waren. Wohl könnten
jene Worte auch ans den Bruch anderer besonderer Frieden (vgl.
IU,36. 111,20, 3), neben demjenigen des gelobten, bezogen werden;
jedenfalls aber ist der letztere mit darunter verstanden.
5) Urk. von 1257 bei Tschudi Chron. belv. I. S. 155.
6) Urk. v. 1258 bei Neupert 6od. dipl. Alem. II. Nr. 966.

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