Full text: Volume (Bd. 9 (1845))

Thronfolgefähigkeit.

2915

Gebrechen den Verlust des erworbenen Lehens nicht nach sich zogen,
und später auch nicht von der Lehnsfolge ausschloffen, wenn die,
durch eine irrige Interpretation der Gesetzstellen eine Zeitlang der
Lehnsfolge gebrechlicher Personen weniger günstige Juristenansicht
und Praxis sich immer allgemeiner zu deren Gunsten aussprach; so
wird man in den gegenwärtigen Verhältnissen, in denen es auf die
Persönlichkeit der Fürsten nicht so sehr als in früheren Zeiten an-
kommt, noch weniger Grund zu einer Beschränkung ihrer seitherigen
Erbfolgefähigkeit finden. Vielmehr fordert das Beste der monar-
chisch regierten Völker, daß die Thronfolge möglichst genau bestimmt
und unabhängig von irgend einer Ansicht oder einem
Willen sei. Dieß kann aber nur dann der Fall sein, wenn sie
einzig und allein von der ehelichen Geburt aus standesmäßiger Ehe
nach einer bestimmten Ordnung, nicht aber von irgend einer
weiteren persönlichen Qualification, womit nur die für
die Ruhe und das Glück der Staaten so gefährliche Möglichkeit von
Thronstreitigkeiten eröffnet ist, abhängig gemacht bleibt. Es kann
daher auch nicht befremden, daß in den neueren Verfassungen, so
weit sie Bestimmungen darüber enthalten, nicht bloß körperliche, son-
dern selbst geistige Schwächen nicht mehr als Ausschließungsgrund
von der Regierungsnachfolge gelten, z. B. in der würtembergi-
schen Verfassungsurkunde §. 11. und 13, der baierischcn Tit. II.
§. 9. 11, der kurhessischen §. 9, der großherzoglich-hes-
sischen §. 5, der königlich-sächsischen §. 9.
Unter den neueren Publicisten welche sich gegen die Ausschlie-
ßung von der Thronfolge wegen körperlicher Schwächen ausgespro-
chen haben, sind besonders zu nennen: Mohl^) (nach dessen Mei-
nung körperliche Gebrechen, sogar unheilbare Blindheit, nicht ein-
mal zur Selbstregierung unfähig machen) und H. A. Zachariä 67j.
Für diejenigen Länder vollends, nach deren Verfassungen der
Landesherr in der Wahl seines Anfenthaltortes, selbst außerhalb des
Landes, unbeschränkt, oder gar als Herrscher eines fremden Landes
an einen auswärtigen Aufenthalt gebunden ist, wie dieß in Betreff
des Königreichs Hannover der Fall war, und in Betreff der Her-
66) Mohl Würtemb. Staatsrecht Bd 1. S. 293. Note 6.
67) Zachariä deutsches Staats- und Bundesrecht Abth. 1. S. 169
und fg.

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer