Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 9 (1845))

254 Hofmann:
mann bedeutet, in Gesellschaft von Standesgenossen allein stehen
zu müssen.
2) Ständige Richter und Richter-Collegien legen großen Werth
auf Uebereinstimmung ihrer Entscheidungen, das jus certum. Sehr
recht, wo es sich von der Anwendung des Gesetzes handelt. Wo
aber der Richter der Rechtsfrage auch die Thatfrage zu entscheiden
hat, da greift nur allzuleicht jenes bloß in Hinsicht der ersteren
lobenswerthe Streben in die Beurtheilung der letzteren über. Man
kommt bald dahin, um der äußeren Gleichförmigkeit der Ent-
scheidungen willen alle, auch wesentlich verschiedenartige, Fälle
„über einen Kamm zu scheren." Man thut damit immer Unrecht,
und Unrecht schmerzt am meisten, wenn es gerade an der empfind-
lichsten Stelle, an der Ehre, zugefügt wird; Unrecht ist auch am
gefährlichsten da, wo es darauf ankommt, Streitsachen, welche sich
vom Weg Rechtens verirrt hatten, wieder auf ihn zurück zu führen.
3. Endlich sind unsere deutschen Gerichte noch alle zusehr
an das leidige „Beweismeffen" gewöhnt, als daß hier, wo es
mehr wie in andren Strafsachen, gerade auf lebensfrische Auffassung
und freie Vergleichung oft der feinsten Schattirungen des subjecti-
ven und objektiven Thatbestandes ankommt, von ihnen überall Ent-
scheidungen zu hoffen sein dürsten, welche sich des Beifalls des
allgemeinen Rechtsgefühles erfreuen werden.
Wenn hiernach die gewöhnlichen ständigen Gerichte zu Ent-
scheidung von Duell- und Ehrensachen nicht tauglich, wenn sie
am wenigsten geeignet sein dürften, das Borurtheil von der Un-
entbehrlichkeit der Selbsthülfe zu widerlegen, wenn gerade die zu
befürchtende Einseitigkeit rechtsgelehrter Staatsdiener ein Grund
gegen die Tauglichkeit der ordentlichen Gerichte ist, so sind wohl
die Ehrengerichte aus Standesgenossen der Duellanten zusammen-
zusetzen V
Ganz gewiß nicht! Der Hauptgrund, welcher für Standes-
gerichte zu sprechen scheint, ist ohne Zweifel der: daß ihnen die
Standes-Ansichten und Vorurtheile, von welchen die Entscheidung
abhängen soll, am genauesten bekannt sind? Allein indem man die-
sen Grund ausspricht, widerlegt man ihn schon. Der Richter soll
und darf nie zugleich Zeuge sein und doch sind jene Standesansich-
ten und Vorurtheile etwas rein Thatsächliches, welches der Richter
allerdings seiner Entscheidung zu Grund legen muß, welches ihm

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