Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 9 (1845))

Ueber Zweikampf und Ehrengerichte. 253
werflich dar, daß es ganz überflüssig ist, über ihre Zusammensetzung,
ihr Verfahren und die Grundsätze, wonach sie entscheiden sollen
(oder soll alles ihrer Willkühr überlassen, Gesetz und Gericht ver-
schmolzen seyn?) nachzudenken. Will man den Versuch machen, so
wird man, welche Richtung man auch einschlagen mag, doch sicher
sehr bald an dem gleichen Ziele — unbedingter Unausführbarkeit
anlangen.
Das Ehrengericht inuß also nicht die Bestimmung und Befug-
niß haben, einen beabsichtigten Zweikampf zu gestatten, sondern
nur nach vollzogenem oder versuchtem Zweikampfe folgende Fra-
gen zu entscheiden:
1) befand sich der Herausforderer in der Nothwendigkeit, for-
dern zu müssen?
2) War der Geforderte genöthigt, die Forderung anzunehmen?
5) War die verabredete Art des Zweikampfes den Verhält-
nissen angemessen?
4) Hat keiner von beiden Kämpfern oder welcher und in welchen
Stücken das, was ihm das herrschende Vorurtheil gebot, überschritten?
5) Haben die Zeugen und Secundanten ihre Ehrenpflicht erfüllt
oder nicht?
Diese Fragen von dem gewöhnlichen Staats-Richter entscheiden
zu lassen, dürfte aus mancherlei Gründen sehr bedenklich erscheinen.
Die Hauptsächlichsten sind folgende:
1) Die Richter gehören alle einer Classe von Staatsbürgern
an, welche, weil mit besondren Rechten und Pflichten bekleidet, als
ein eigner Stand erscheint, ein Stand, der eine gleichmässige, nicht
immer vielseitige Ausbildung erlangt hat, dessen Angehörige sich der
Regel nach immer in denselben Kreisen bewegen und je länger sie
ihm angehörcn, dem wirklichen Leben, seinen Strömungen und
Schwingungen immer fremder werden und bald die Fähigkeit ver-
lieren, sich in die Ansichten, Gesinnungen und Gefühle Andrer ein-
zuleben. Sie werden zu leicht Stoiker oder Pedanten, um sich in
den Meinungen und Vorurtheilen Andrer zurecht zu finden und
den Standpunkt zu gewinnen, von welchem aus allein der gerade
vorliegende Fall betrachtet werden muß. Der ernste strenge Richter
wird in den meisten Fällen vergessen haben, wie er als Student
einen Verruf ansah, er wird schwerlich sich einen deutlichen Be-
griff davon machen können, was es für den Offizier, den Edel-

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