Full text: Volume (Bd. 9 (1845))

Ueber Zweikampf und Ehrengerichte. 243
digen können. Daß man zur Abwehr einer Beleidigung Selbsthülfe
anwenden dürfe, das ist dem germanischen Rechtsgefühl ebenso klar
und unwiderleglich, als daß z. B. der Ehemann, welcher seine
Gattin im Ehebruch betrifft, sie und ihren Buhlen tödten darf. Das
römische Recht gestattet nur das Letztere, weil, was wir Ehre nen-
nen, den Römern so fremd war, daß sie dafür nicht einmal ein Wort
in ihrer Sprache haben.
So und nur so erklärt sich auch die oben schon hervorgehobene
Bemerkung, daß der Zweikampf iu seiner heutigen Gestalt erst nach
Unterdrückung des Faustrechts vorkommt, und daß die ältere deut-
sche Gesetzgebung ihm nicht entgegen trat.
Ein weiterer Beweis für die Richtigkeit dieser Ansicht ist der
Umstand, daß bei uns der gemeine Mann sich nicht schlägt, sondern
nur die sogenannten höheren Stände. Gewiß rührt dieß nicht, wie
Beccaria annimmt, bloß daher, daß jener die Achtung Anderer
nicht so nöthig habe, als die Angehörigen höherer Stände, es hat
seinen Grund vielmehr darin, daß die niederen Stände gerade in
der Zeit, wo der Zweikampf in heutiger Bedeutung aufkam, ihre
Freiheit verloren und der an ihre Stelle getretenen neuen, auf dem
Dienst oder der Waffenfähigkeit beruhenden Ehre nicht theilhaftig
wurden, während andererseits die neue staatsbürgerliche Ehre noch
nicht recht das Leben durchdrungen hat, auch frei von dem Vorur-
theil der Nothwendigkeit des Selbstschutzes in dasselbe eingeführt wird.
In Frankreich, wo die rechtliche Gleichheit Aller nicht bloß auf
dem Papier vorhanden ist, drang mit ihr die Unsitte des Zwei-
kampfes auch in die minder gebildeten Stände. Daß dort Duelle
häufiger Vorkommen, das beruht ebenso sehr auf dem, durch diese
Gleichheit gesteigerten und reizbarer gewordenen Ehrgefühl, als auf
der größeren Lebhaftigkeit der Franzosen.
Daß umgekehrt in Nordamerika Zweikämpfe eine Seltenheit
sind, mag seinen Grund hauptsächlich darin haben, weil dort die
geschichtliche Unterlage fehlt, worauf sie in der alten Welt beruht;
die neue ist, wie Pallas Athene, mit Helm und Harnisch der Gesetz-
lichkeit ins Dasein getreten.
Sehr richtig bemerkt jedoch Mittermaier: es sei nicht die Selbst-
hülfe allein hier ins Auge zu fassen, sondern die Art des Mittels,
wodurch sie geübt werden soll, und mehr noch die Absicht, sie bis
zu einem Uebel auszudehnen, dessen Zufügung das Gesetz der Will-
16*

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer