Full text: Volume (Bd. 9 (1845))

152

Be seler:
Hier wurde bei der steigenden Bedeutung der Fahrniß die letztwil-
lige Verfügung bald ein sehr beliebtes Geschäft, und indem die im
städtischen Gemeindewesen gelockerten Familienbande oft zu der Er-
nennung von Vormündern Veranlassung gaben, wurden die Testa-
mentserecutoren in das Gebiet der Voigtei hineingezogen, und er-
hielten dadurch eine bestimmte, principienmäßige Ausbildung, welche
die genaue Feststellung des Rechtsverhältnisses für jeden einzelnen
Fall überflüssig machte. Dabei konnte sich denn immerhin in den
einzelnen Stadtrechten manches Eigenthümliche geltend machen; nicht
alle, welche im Ganzen denselben Entwickelungsproceß durchmachten,
haben ihn in gleicher Consequenz zu Ende geführt, und man darf
daher nicht unbedingt von dem einen Stadtrecht auf das andere
schließen, auch wenn eine gewisse Verwandtschaft der Rechtsbildung
im Allgemeinen und namentlich für das bestimmte, hier behandelte
Institut vorliegt. Aber wie sich dieses in dem Rechtsleben der städ-
tischen Bürgerschaft nach einer bestimmten Seite hin ausgebildet
und befestigt hat, läßt sich doch am deutlichsten aus einem einzelnen
Beispiele entnehmen, zumal wenn uns dasselbe in einem so wichti-
gen Rechte, wie in dem lübischen, und in einer so gründlichen Dar-
stellung , wie die von Pauli 8) gegebene ist, geboten wird. Be-
trachten wir daher, wie sich in Lübeck das Recht der TestamentS-
erecutoren seit der Mitte des 13. Jahrhunderts entwickelt hat.
Abgesehen nun von den besonderen Beziehungen, in denen sie
zu der Familie des Verstorbenen standen, hatten sie im Allgemeinen
die Aufgabe zu erfüllen, die ihnen anvertrauten letztwilligen Ver-
fügungen in jeder Weise zu schützen und zur Ausführung zu brin-
gen, indem ihnen vermöge ihrer voigteilichen Macht, die hierzu er-
forderlichen Mittel im vollen Maaße zu Gebote standen. Im Ein-
zelnen wurde denn freilich ihr Geschäftskreis von der besonderen Be-
schaffenheit des ihnen zu Theil gewordenen Auftrags näher bestimmt;
aber dieser war gewöhnlich nicht speciell angegeben und vom In-
halte des Testaments getrennt, sondern eben auf dessen Vollziehung
gerichtet, was schon durch die bloße Ernennung ausgesprochen ward.
Die Erecutoren erscheinen daher als die Vertreter des Verstorbe-
nen, den sie wie ein römischer Erbe activ und passiv repräsentirten,
— aber nur in formeller Hinsicht; denn, wenn ihnen selbst auch

8) a. a. O. b. 330.

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