Full text: Volume (Bd. 1 (1891))

586 Coith, Über die Voraussetzungen für die Schadensersatzpflicht
den Rahmen des vorstehenden Aufsatzes (gehört, nämlich in Betreff des von ver-
schiedenen Seiten erhobenen Vorwurfs, daß der Entw. bei de^Frage, welcherlei
Schaden zu ersetzen sek, nicht auch die immateriellen Güter und Verluste (Annehm-
lichkeit, Vergnügen, Wohlbehagen — Schmerz, Aerger, Kummer) berücksichtige
(8 221).
Diese psychischen Vorgänge und Zustände entziehen sich nun einmal dem
Verkehr und der Regelung durch das Gesetz. Man kann von einem B.G.B.
verlangen, daß es einen Ausgleich gewähre für Eingriffe in Vermögensrechte und
in die im Obigen oft erwähnten Güter, ohne welche ein Mensch zu einer gedeihlichen
Entwickelung im Staate nicht würde gelangen können (Freiheit, Unverlctztheit des
Körpers u. s. w.), aber unmöglich würde es für den Gesetzgeber sein, allgemeine
Regeln aufzustellen behufs einer Vergütung für den Verlust an geistigem Genuß
und an Behagen, für Verdruß und Seclenschmerz, welcher durch arglistige oder-
unbedachte Handlungen Andrer uns verursacht wird. Jeder Versuch dieser Art
müßte ein Stückwerk bleiben; zu einer systematischen Regulirung dieses Punktes
sind die Empfindungen von Lust und Unlust viel zrr sehr abhängig von der In-
dividualität des Einzelnen — was in dem Einen Verdruß erregt, bietet dem Andern
ein Vergnügen dar — was einen nervösen Menschen außer sich bringen kann,
wird von einer stärker besaiteten Seele kaum empfunden. So könnte man sich
z. B. allenfalls wohl einen Schädenanspruch denken, welcher den Besuchern einer
Oper (etwa auf theilweisen Ersatz des Eintrittsgelds) zugebilligt würde gegen einen
Störenfried, welcher aus Bosheit gegen einen Sänger ihnen den Genuß durch
fortgesetztes lautes Pfeifen oder Pochen verdirbt; dieselbe genußstörende Wirkung
hat aber auch für Viele jener an sich ganz unschuldige Enthusiasmus, welcher
eine hohe Befriedigung darin findet, die Primadonna nach jedem Abgang und
mitten im Act drei-,, viermal lärmend wieder hervorzuzwingen. Soll auch dieser
„phrenetische Beifall" (wie ihn die Feuilletonisten nicht gerade höflich nennen) er-
satzpflichtig machen?
Zudem sind jene Seelenzustände incommensurabel, zu Geld nicht veranschlagbar.
Manchmal erwachsen Schmerz und Lust aus demselben Vorgang. Man denke sich
z. B. folgenden Fall: Ein Sohn erleidet tiefen Schmerz über den Verlust des
von dritter Hand ermordeten Vaters; mit dem Tode des Letzteren wird aber zu-
gleich ein Veto beseitigt, was der Vater der ehelichen Verbindung des Sohnes
mit einem von ihm geliebten Mädchen unerschütterlich entgegensetzte. Müßte man
nicht dem Mörder gerechter Weise gestatten, vom Schmerzvergütungsanspruch des
Sohnes einen Abzug zu machen für das befriedigende, Gefühl, welches ihm der
Wegfall jenes Hindernisses gewähren muß? Wie soll der Geldwerth jener ver-
schiedenen Gefühle bemessen werden?
Der Gesetzgeber thut also wohl, wenn er davon absieht, in das Rechtssystem
ein Gebiet einzubezirken, für welches der Arm des weltlichen Gesetzes zu kurz uud
die Hand desselben nicht sein genug gegliedert ist. Dagegen ist es nicht zu miß-

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