Full text: Volume (Bd. 1 (1891))

571

Nach dem Entw. des B G.B?s für das Dtsch. Reich.
betheiligten Personen — den Gläubiger und den Schuldner' — begründet ist, ‘für
andere Personen aber nicht existirt; diese Anderen können aus dieser speciellen
Rechtssphäre keine Rechte für sich ableiten, haben folglich daraus auch keine Ver-
bindlichkeit für sich zu entnehmen. Die Rechte, welche meine Mitbürger durch
Vertragsschlüsse (oder Delicte) unter sich begründet haben, sind mir gegenüber
nicht Rechte, sondern gehören für mich nur in das Gebiet fremder Interessen.^)
Vorstehende Unterscheidung läßt sich auch nicht — etwa weil sie auch dem
römischen Recht eigen — als etwas dem natürlichen Rechtsbewußtsein Fremdes, als
ein dem gesunden Menschenverstand aufgepfropfter Satz juristischer Schulweisheit
(mit welchem Prädicate man in neuerer Zeit so freigebig umgeht) betrachten, son-
dem sie ist durch die Natur der Sache geboten. Welch unerträgliche Einschnürung
der Handlungsfreiheit des Einzelnen müßte entstehen, wenn ein Jeder verbunden
wäre, sich um die tausend und abertausend obligatorischen Verhältnisse zu kümmern,
in welchen seine Mitmenschen unter sich stehen und von denen er rings umgeben
ist? Welch unerhörte und unerfüllbare Forderung wäre es, daß Jeder sich bei
seinen Handlungen vorsichtig frage, ob er dadurch nicht einen Zweck durchkreutze,
dessen Erreichung bereits ein Dritter durch einen Vertragsabschluß mit einem Andern
sich zu sichern gesucht fjat?4 5)
Sonach vertheilen sich die Fälle, in denen Jemand einem Andern schadens-
ersatzpflichtig werden kann (abgesehen von der vertragsmäßigen Uebernahme fremder
Schäden, wie sie z. B. beim Versicherungsvertrag stattfindet) in zwei Gruppen.
Die eine umfaßt diejenigen Handlungen, welche gegen ein absolutes Recht (ding-
liches Recht, Statusrecht rc. eines Anderen) verstoßen, die andere die Verletzungen
eines obligatorischen Rechts durch den Schuldner. Die letztere ist das Gebiet
der Contractsculpa; die erstere kann man als dasjenige der sogen. Aquilischen
Culpa, besser aber (da man zu den absoluten Rechten auch den einem Jeden ge-
genüber geltenden Auspruch auf Integrität des Körpers und Geistes, auf Ehre,
auf Freiheit des Körpers und der Entschließungen rechnen muß) als das Gebiet
des Privatdelicts bezeichnen.
Dieses System — welches, wie schon erwähnt worden und wie aus jedem
gangbaren Lehrbuch des Pandektenrechts zu ersehen, das des gemeinen Rechts und
4) Besonders gestaltete Fälle, die nur eine scheinbare Ausnahme begründen z. B. das
pactam in favorem tertii, können hier nicht besprochen werden. Verträge, durch welche
unmittelbare Rechte an Sachen begründet werden, z. B. Servituten (paeta intaita fundi inita)
gehören nicht hierher, weil durch dieselben nicht sowohl eine Person, als eine Sache der Will-
kühr der anderen Contrahenten — resp. seiner Rechtsnachfolger — unterworfen wird.
°) Verschwiegen soll hier nicht werden, daß einige Rechtslehrer, z. B. Schilling a. a.
O. (tz 16 Anm. D hem Forderungsrecht (dem jus relativum) auch eine Verpflichtung der
Allgemeinheit gegenüberstellen, dahin nämlich „daß Niemand das aus der Forderung fließende
Rechtsverhältniß störe." Als praktisch durchführbar aber ist dies Axiom wohl nicht gedacht;
außer dem Gläubiger und dem Schuldner ist ja das Forderungsverhältniß in der Regel Nie-
mandem oder nur Wenigen bekannt.

37*

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer