Full text: Volume (Bd. 1 (1891))

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Zu § 123 Ziff. 3 der Reichs-Gew.-O.
welche, sondern die Umstände, unter welchen die Arbeit verlassen wurde, sind für
die rechtliche Bcurtheilung des Verhaltens des. Arbeiters entscheidend. So ver-
schieden die vorkommenden Fälle des Vcrlassens der Arbeit sein mögen, so werden
doch in der Regel die begleitenden Umstände einen Schluß daraus gestatten, ob
der Arbeiter die Arbeit im Stiche ließ, um die Maßnahmen und Anordnungen des
Fabrikanten zu durchkreuzen. Dieser Wille und dieser Erfolg sind nach dem bis-
her Ausgeführten hier von so erheblicher Bedeutung, daß ein Verlassen der Arbeit
unter Umständen lediglich deshalb, weil es von jenem Willen getragen wurde
und ans jenen Erfolg gerichtet war, als ein unbefugtes im Sinne des angezogenen
Gesetzes angesehen werden kann.
Die Betrachtung des vorliegenden Sachverhalts aus den dargelegten Ge-
sichtspunkten ergiebt, daß der Kläger am 23. December 1889 Abends 7 Uhr die
Arbeit bei der Beklagten unbefugt verlassen hat. Es.kann dahingestellt bleiben,
ob die Anordnung der Ueberstunden an den Vortagen vor den Christabenden in
der Maße gebräuchlich war, daß die Einhaltung ber Ueberstunden durch den Kläger
als stillschweigend vereinbart zu gelten hatte. Denn auch wenn der von der Be-
klagten angetretene Beweis jener Uebung als mißlungen erachtet wird, gelangt
man zu dem vorausgeschicktcn, deni Kläger ungünstigen Ergebniß. Die Beklagte
beabsichtigte keineswegs eine dauernde, durchgreifende Aenderung der Arbeitszeit
herbeizuführen. Sie wollte nur aus Anlaß des bevorstehenden Weihnachtssestes
zwei Arbeitsstunden vom 24. auf den 23. Deceniber verlegen. Die Arbeitszeit
an letzterem Tage, einem Montage, erhöhte sich dadurch lediglich aus das an an-
deren Wochentagen übliche Maß. Die Beklagte verlangte daher nichts weniger
als eine übermäßige Arbeitsleistung. Im Gcgentheil ließ sich annehmen, daß den
Arbeitern die für den Nachmittag des Christabends gewonnene Freiheit erwünscht
war. Es konnte nun der Beklagten nicht angesonnen werden, wegen einer so ge-
ringfügigen, im eigenen Interesse der Arbeiter liegenden, nur ausnahmsweise und
vorübergehend eintretenden Verschiebung einiger Arbeitsstunden erst mit allen Ar-
beitern einzeln zu paktiren. Bei einem größeren Betriebe wäre dies überhaupt
nicht wohl durchführbar gewesen. .Es war daher ein durchaus gerechtfertigtes Ver-
fahren, wenn die Beklagte die Anordnung der Ueberstunden durch Anschreiben in
den Arbeitssälen den Arbeitern bekannt machte. Bei der geschilderten Sachlage
durfte sie erwarten, daß die Arbeiter der Anordnung ohne Widerspruch Nachkomme»,
daß aber diejenigen, welche hieran aus irgend einen« Grunde behindert waren,
alsbald sich deshalb melden und ihr abweichendes Verlangen kundgeben würden.
Hierzu war der Kläger — ebenso wie die übrigen Arbeiter — um deswillen ver-
pflichtet, weil er sich sagen mußte, daß die Beklagte in Ermangelung eines Wider-
spruchs die Fortsetzung der Arbeit erwartete, nach Treu und Glauben auch er-
warten durfte, und darnach ihre Maßnahmen traf.
Der Kläger hat sich besonders darauf bezogen, daß die Anordnung von der
Beklagten verspätet erlassen, und zwar erst am 23. December Nachmittags, nach

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