Full text: Volume (Bd. 1 (1839))

Daseyn und Natur des deutschen Rechts. 29
Zahl von Gesetzen forthin im Zunehmen begriffen, und zwar in
einem solchen Grade, daß gar nicht abzusehen ist, wie es für das
künftige Geschlecht auch nur möglich seyn wird, die gesetzlichen
Vorschriften zu lesen, geschweige sie selbstständig sich anzueignen.
Der Zweck jenes Bestrebens ist, Streitigkeiten vorzubeugen,
oder doch deren Entscheidung zu erleichtern; allein die Erfahrung
zeigt, daß mit den gesetzgeberischen Versuchen die Zahl der Pro-
cesse bis jetzt nicht ab-, sondern zugenommen hat, und daß un-
geachtet des großen Reichthums an geschriebenen Bestimmungen
das Recht in den meisten Fällen dermaßen ungewiß ist, daß Rich-
ter und Parteien durch einen Vergleich die ungewisse Entscheidung
zu umgehen bemüht sind. Vieles trägt freilich zu dieser Unge-
wißheit das fremde Recht bei, durch dessen Aufnahme auch zu-
erst das legislative Bedürfniß in höherem Grade geweckt wurde;
allein schon die Natur der Sache bringt es mit sich, daß es un-
möglich ist, ein lebendiges Recht in dem todten Buchstaben fest-
zuhalten t oder die wechselnden Verhältnisse und Erscheinungen
des Lebens mit allen Merkmalen vorherzusehen und zu sixiren 33).
Was sodann die idealistische Tendenz betrifft, so sind wir,
wie schon aus dem Bisherigen hervorgeht, weit entfernt, den
sogenannten Ideen allen Einfluß auf die Wirklichkeit, insbeson-
dere auf die Rechtsbildung absprechen zu wollen. Auch ist nicht
zu verkennen, daß die vorherrschende rationalistische Richtung des
vorigen und jetzigen Jahrhunderts manche verjährte Mißbräuche
aufgedeckt und theilweise gehoben hat. Auf der andern Seite
aber ist sehr zu bezweifeln, daß eine völlig neue Gestaltung des
Rechts auf jenem Boden jemals * gute Früchte tragen werde.
Auch ist es Täuschung,, wenn man glaubt, die Philosophie
allein habe jene wohlthätigen Verbesserungen herbeigeführt,
wodurch die gegenwärtige Generation im Verhältnisse zu den srü-

welche, wenn sie nicht durch innere Gründe gerechtfertigt, nichts
anderes ist, als ein neues Gesetz, und daher keiner Zurückbezie»
hung fähig.
35) Julia mi 8 CD. I. 3. fr. 10.): ,,Neque Leges, neque Senatuscon-
sulta ita scribi possunt, ut omnes casus, qui quandoque incide-
rint , comprehendantur: sed sufficit ea, quae plerunque acci-
dunt, comprehendere.”

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