Full text: Volume (Bd. 11 (1901))

Thiersch, Ein juristischer Beitrag zur ärztlichen Standesfrage. 679
Verständniß der Stellung jedoch, welche der Staat den Aerzten gegenüber jetzt
einnimmt, und zur Erkenntniß der Maßnahmen, welche der Staat zur Hebung
des ärztlichen Standes künftig zu treffen hat, ist eine Schilderung des frühem
Verhältnisses zwischen Staat und Aerzten erforderlich. Man glaubt, sich in dieser
Beziehung auf Sachsen beschränken zu können, weil die Verhältnisse in den andern
Bundesstaaten annähernd die gleichen gewesen sind und ein Eingehen auch auf
deren Gesetzgebungen zu weit führen würde.
Kapitel I. Die Gesetzgebung in Sachsen vis znm Eingreifen
der Reichsgefetzgevung.
Noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts stand die Ausübung der ärztlichen
Praxis in Sachsen Jedermann frei. Der Staat hatte zwar schon damals, dem Bei-
spiel der Städte folgend, einzelne Aerzte (xb^sici) angestellt, welche über die sani-
tären Verhältnisse Bericht zu erstatten und ihr Augenmerk auf die Kurpfuscher
zu richten hatten. Um die Nichtangestellten Aerzte kümmerte er sich nicht. Diese
unterstanden nur den allgemeinen Strafvorschriften der Peinlichen Gerichtsordnung
Karls V. vom Jahre 1533, deren 132. Artikel jeden Arzt mit Strafe bedroht,
welcher durch Fahrlässigkeit in der Ausübung seines Bemfs oder durch leichtfertige
Anwendung falscher oder noch unerprobter Heilmittel den Tod eines Patienten
verursacht. Derselbe Artikel wendet sich übrigens auch gegen die Kurpfuscher (medi-
castri), indem er anordnet, „daß allermeist auf leichtfertige Leute, die sich Artzenei
unterstehen und der mit keinem Grund gelernt haben", Achtung gegeben werde.
Nur die Chirurgie durfte nicht von Jedem betrieben werden. Man ver-
stand unter ihr die Heilung von „gemeinen äußerlichen Schäden", wie von Arm-
und Beinbrüchen, Buckeln und Beulen, ferner Schröpfen, Aderlässen u. dgl. Sie
wurde nicht als Zweig der medizinischen Wissenschaft anerkannt, sondern galt als
Handwerk und war Monopol der Zunft der Bader und Barbierer. Hier hatte
die Gesetzgebung des Staates zuerst Anlaß einzugreifen. Der Grund dafür lag
in dem allgemeinen Niedergang der Zünfte, die sich überlebt hatten und für die
Entwicklung des Handwerks, anstatt es zu fördern, ein Hinderniß geworden
waren. Das Meisterexamen war zu einer leeren Form herabgesunken. Die
Lehrlinge lernten die Antworten auf die ihnen im Examen vorzulegenden Fragen
vorher auswendig, und Bestechung war an der Tagesordnung. Deshalb legte der
Staat zunächst (1718) jedem Wundarzt, der das Meisterexamen bestanden, die
Leistung eines Eides auf, in dem seine Pflichten genau normirt wurden.*) Da
*) Der Eid, den die Wundärzte und Barbierer in Leipzig zu leisten hatten, lautete:
„Ich Ichwöre, daß ich die Patienten, zu denen ich erfordert werde, und welche ich angenommen
habe, nicht versäumen, sondern zu allen Zeiten, wenn es von Nöten, bei Tag und Nacht ent-
weder selbst oder doch, wenn ich in Person zu kommen verhindert bin, durch einen geschickten
Gesellen, treulich und mit allem Fleiß in Acht nehmen und nach meiner besten Wissenschaft.
Erfahrung und Verstände gegen billiges Arztlohn kuriren, vorsätzlicher und gefährlicher Weise
nicht verlassen, noch verwahrlosen, noch die Kur zu meinem Bortheil verzögern, bei vor-

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