Volltext: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 11 (1901))

552 Liebe, Stellung und Befugnisse des Nachlaßverwalters.
Anders beim Nachlaßverwalter. Ihm ist nicht vorgeschrieben, den Nachlaß zu
verwerthen, sondern nur: die Nachläßverbindlichkeiten aus der Masse zu berichtigen.
Soweit diese Berichtigung es erfordert, muß er den Nachlaß natürlich auch ver-
werthen, aber er hat nach Berichtigung der Nachlaßverbindlichkeiten „den Nachlaß",
also die Nachlaßgegenstände iu natura dem Erben auszuantworten. Hieraus er-
giebt sich, daß. er nicht schlankweg alle Nachlaßgegenstände verkaufen und dann nur
dem Erben den reinen Nachlaßbestand iu Baar zurückzahlen darf, sondern er muß
vorsichtig sein und mit dem Verkaufe nicht weiter gehen, als zur-Deckung der
Nachlaßverbindlichkeiten, zu denen auch die Kosten der Nachlaßverwaltung gehören,
notwendig ist.
Andererseits geht, was die seiner Verfügung unterliegenden Gegenstände be-
trifft, das Verfügungsrecht des Nachlaßverwalters weiter als das des Konkurs-
verwalters. Letzterer darf über das Vermögen des Gemeinschuldners nur soweit
verfügen, als es der Zwangsvollstreckung unterliegt. Dem Nachlaßverwalter ist
eine solche Schranke nicht gezogen. Dies hat seinen Grund in der durch die An-
ordnung der Nachlaßvcrwaltung eintretenden vollständigen Absonderung des Nach-
lasses vom sonstigen Vermögen des Erben; der Erbe hat, dem Nachlaßverwalter
gegenüber, ein Recht auf die unpfändbaren Sachen ebensowenig, als wenn er sie
noch gar nicht geerbt hätte.*)
ES ergiebt sich also: der Nachlaßvcrwalter hat den Nachlaß nur so weit zu
verwerthen, als es zur Berichtigung der Nachlaßverbindlichkeiten erforderlich ist,
aber er hat auch, wei.n nöthig, fort, ganzen Nachlaß zu verwerthen, ohne die für
die Zwangsvollstreckung gezogenen Schranken beachten zu müssen.
Aus dem ersten Theile dieses Satzes folgt weiter, haß der Verwalter
dem Erben die Jnnehabung der Nachlaßsachen nicht unnöthigerweise entziehen soll.
Soweit der Verwalter die Sachen zum Zwecke der Nachlaßverwaltung, also zur
Berichtigung der Nachlaßverbindlichkeiten, nicht braucht, soll er sie dem Erben be-
lassen, nachdem er sie vorher in Besitz genommen hat.**) Kann aber, und hier
kommen wir zu einer wichtigen Frage, der Erbe, wenn ihm in solcher Weise
Nachlaßgegenstände belassen worden sind, später die Herausgabe dieser Gegenstände
an den Verwalter verweigern, weil der Verwalter sie zu den Zwecken der Ver-
waltung nicht brauche? Die Frage ist aus einem doppelten Grunde zu verneinen.

*) Bei der Gegenüberstellung ist selbstverständlich der Konkurs über das Vermögen
eines lebenden Gemeinschuldners gemeint. Der Verwalter eines Nach laß konkurses kann die
sonst unpfändbaren Gegenständen gerade so verwerthen, wie der Nachlaßverwalter.
**) Aus dieser einstweiligen Belafsung folgt aber, wenn nicht ein besonderer Vertrag,
j B. ein Miethvertrag, zwischen dem Verwalter und dem Erben geschlossen wird, kein Recht
des Erben zum Besitze. Das Recht erlangt er erst wieder, wen» ihm bei Beendigung der
Verwaltung der Nachlaß zurückgegeben wird. Der Erbe kann also i» diesen Fällen nur als
Besitzdiener nach■§ 855 betrachtet werden. Die Verfägungsmacht bleibt ihm bis zur Auf-
hebung der Nachlaßverwaltung entzogen.

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