Full text: Volume (Bd. 11 (1901))

14.2. Stellung und Befugnisse des Nachlaßverwalters

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Liebe, Stellung und Befugnisse-des Nachlaßverwalters.

Stellung und Befugnisse -es Nachlatzverwalters.
Von Rechtsanwalt vr. Georg Liebe in Leipzig.
Die Nachlaßverwältung ist vom Gesetz sehr dürftig behandelt. Ueber viele
und theilweise sehr wichtige Fragen wird eine Entscheidung nicht gegeben. Augen-
scheinlich hat dies seinen Grund darin, daß der erste Entwurf des Bürgerlichen
Gesetzbuchs die Nachlaßverwaltung nicht kannte, daß auch die Subkommission der
zweiten Kommission es bei den Bestimmungen über den Nachlaßkonkurs bewenden
ließ und daß erst in der zweiten Hauptkommission die Bestimmungen über die
Nachlaßverwaltung in die den Nachlaßkonkurs betreffenden Vorschriften eingeschoben
worden sind.' Die- Dürftigkeit der gesetzlichen Bestimmungen ist für deren Hand-
habung recht hinderlich. Es soll daher im Folgenden versucht werden, einige der
auftauchenden Fragen, deren Beantwortung nicht unzweifelhaft und auch nicht un-
bestritten ist, der Lösung näher zu bringen. Ein Eingehen auf die ganze Lehre
und eine Behandlung solcher Borschristen, deren Auslegung fest steht, ist nicht
beabsichtigt.
I. Die Rechtsstellung des Nachlatzverwatters.
Ueber diese schweigen sich, soweit ich sehen kann, die das Erbrecht behandelnden
Schriftsteller mit ganz vereinzelten Ausnahmen aus oder beschranken sich auf die
auf Z 1975 gestützte Angabe, der Nachlassverwalter habe die Stellung eines
Pflegers.*) Mitunter wird hinzugefügt, der Verwalter sei gesetzlicher Vertreter
des Erben.**)
A. Prüfen wir zunächst, ob der Nachlaßverwalter wirklich die Stellung eines
Pflegers hat.
Die angeführte Bemerkung, daß der Verwalter gesetzlicher Vertreter des
Erben sei, wäre richtig und selbstverständlich, wenn wirklich in allen den Punkten,
in denen das Gesetz nicht ausdrücklich Abweichungen von den Bestimmungen
über die Pflegschaft anordnet, alle für die Pflegschaft gegebenen Vorschriften an-
zuwenden wären. Es kann sich aber auch ohne ausdrückliche Vorschrift aus
dem Inhalte der gesetzlichen Bestimmungen ergeben, daß gewisse für die Pflegschaft
geltende Regeln auf die Nachlaßverwaltung nicht anzuwenden sind. Es ist deshalb
zu fragen, ob, was die Rechtsstellung des Nachlaßverwalters betrifft, aus dem
Inhalte des Gesetzes eine solche Abweichung hervorgeht. Diese Frage-ist zu bejahen.
1. Schon nach ß 1978 Abs. 2 hat der Nachlaßverwalter die Pflicht, gewisse
Ansprüche für den Nachlaß gegen den Erben geltend zu machen und unten
*) So Hallbauer, Erbschaftsrecht, Abschnitt 9 Nr. 6; Planck, Bürgerliches Gesetz-
buch, Vorbemerkung vor tz 1975 unter 4b; Cosack, Lehrbuch, 8. Aufl-, §381 und II 3 f.;
Neumann, Handausgabe, § 1985 unter I, 1.
**) Planck und Reumann a. a. v. -

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