Full text: Volume (Bd. 11 (1847))

Sammlung deutscher Rechtsgewohnheiten. 31 i
Brauchbarkeit eintauschen wird. Auch die Rechtsgewohnheiten wer-
den sodann wieder Gegenstand unmittelbarer Beobachtung an der
Gerichtsstätte werden, und sich leichter sammeln und verarbeiten
lassen. Es möchte aber deßhalb die Ausführung obigen Vorschlags
nicht zu verschieben sein; im Gegentheile scheint es, sollten die Rechts-
gelehrten, Theoretiker wie Practiker, um so mehr sich bemühen, das
Volksrecht sich zeitig anzueignen, um desto gewissenhafter und er-
folgreicher künftig vor dem Volke urtheilen zu können.
Auch für die Gesetzgebung, im Großen und Kleinen, ist die
Aufzeichnung des Gewohnheitsrechts nur wünschenswerth, theils als
Vorarbeit und Grundlage, theils um die hohe Meinung von dem
Werthe unserer Gesetzgebung in etwas herabzustimmen. Zum Be-
weise, wie machtlos öfters das Gesetz ist gegen die Gewohnheit,
führe ich nur an: In dem ehmaligen Vorveröstreich hat die herge-
brachte allgemeine Gütergemeinschaft durch Einzelverträge sich be-
hauptet gegen das im östreichischen Gesetzbuch v. J.1786 eingeführte
römische Dotalsystem und großentheils auch noch gegen das seit 1807
in Oberschwaben geltende württembergische Landrecht. Ferner haben
sich auf dem Schwarzwalde große freie Bauerngüter unzertrennt in
einzelnen Familien erhallen trotz der Ungunst der Gesetzgebung,
welche die Theilbarkeit, selbst von Lehen, befördert und kein Ret-
tungsmittel gegen zunehmende Güterzertrümmcrung und die daraus
in kurzer Zeit erfolgende Kleinhäuslerci und Bettelei (z. B. Gestat-
tung bäuerlicher Majorate) an die Stelle gesetzt hat. Es sind
dieß nur nahe liegende Beispiele, welche aber mit vielen anderen
vermehrt werden könnten.
„Die Alten waren auch nicht dumm!" hört man jetzt, wo die
allgemeine Noth überrascht, fast an allen Ecken. Ob sich dieß die
Neueren wohl merken, oder das, was noch gesunden Grund hat in
unsrem Rechte, vollends wegräumen, vielleicht die Gesetzgebung von
neuem römisch aufbaueu werden — wer kann dafür bürgen?
Reyscher.

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