Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 11 (1847))

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Wilda:

§. 9.
Stahl wird durch das von chm vertheidigte System dev
Staatsreligion dahin geführt, alle Staatsämtcr gewiffermaßen als
Kirchenämter aufzufasscn; daraus insbesondere sucht er die Un-
fähigkeit aller Derer, welche sich nicht zur Staatsreligion bekennen,
zur Bekleidung öffentlicher Aemter darzuthun, und damit soll denn
zugleich die Ausschließung von allen staatsbürgerlichen Rechten ge-
rechtfertigt sein. „Wer da befehlen und anordnen und richten will
im Namen des Staates, der muß auch das als das Höchste be-
kennen, was der Staat seiner Bestimmung nach glauben, und als
das Höchste bekennen muß. Man hat es auch niemals unrecht gefun-
den, daß ein Jude und Muhamedaner nicht Bischof werden kann(!);
aber jedes Amt im Staate eines christlichen Volkes ist in entfernterer
und untergeordneter Weise ein Bischofsamt, oder hat doch die Auf-
gabe es zu sein, jedes soll im christlichen Geist verwaltet, und jedes,
wo es sich trifft, zur Förderung der Kirche gebraucht werden" u. s.w.
Welcher christlichen Kirche — möchte man fragen — soll denn
aber der jedesmalige Eifer gelten? Ist es dem Katholiken zuzumu-
then, daß er die protestantische Kirche fördere? dem Protestanten,
daß er zur Erstarkung, und somit zum Siege der katholischen bei-
trage? Ohne daß jener Grundsatz bisher theoretisch anerkannt wäre,
haben wir es wohl erlebt, daß Staatsämter zur Förderung der
Kirche, d. h. einer von ihnen auf Kosten der andern, gebraucht,
oder vielmehr gesetz- und constitutionswidrig gemißbraucht worden
sind.
Wer wollte wohl dagegen streiten, daß zur Bekleidung eines-
öffentlichen Amtes nicht nur die nöthige Kenntniß, sondern, wie
Stahl es verlangt, auch die gehörige Gesinnung mit Recht erfordert
werden 78> ? Wir rechnen dahin Redlichkeit und Treue in Erfüllung
seiner Pflichten und allen Verkehrsverhältnissen, Liebe zum Vater-
land oder zu dem Staat, welchen man sich erwählt hat, Ueberein-
77) Stahl a. a. O. S. 287.
78) Stahl a. a. O. S.286: „dem Amte nach seinen Anforderungen
für das Oeffentliche zn genügen — gehört vor Allem die, mit der
Gesinnung des Staates und Volkes übereinstimmende Gesinnung,
in dem, was Lenkung und Herrschaft als Ziel und Richtschnur
bestimmt. Das ist ein nicht minder wesentliches Erforderniß als
die nöthigen Kenntnisse" u. s. w.

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