Full text: Volume (Bd. 11 (1847))

m

Ueber Gewissensfreiheit.
thümliche Weisen der Auffassung und Verwirklichung des Chri-
stenthums betrachtet werden können ^)? oder weil sie nickt zu den
großen weltgeschichtlichen Strömungen des christlichen Glaubens
gehören? nicht große Massen christlicher Völker jenen Bekenntnissen
angehören? Lange Zeit war es im byzantinischen Reiche unentschie-
den, ob der Arianismus herrschende Kirche sein oder zum Sectenthum
herabsinken würde, und man wird nicht läugncn, daß er einst eine
weltgeschichtliche Strömung des Christenthums gewesen ist. Die
griechische Kirche ist eö noch, und doch kann kein Zweifel sein, daß
auch sie mit unter den Religionen begriffen war, welche nach dem
Westfälischen Frieden im deutschen Reiche nicht geduldet werden
sollten 76). In einigen Bundesstaaten gehört sie jetzt zu den öffent-
lich aufgenommenen. Das Christenthum ist erst ein Bächlein gewe-
sen, und war zu einem Strome geworden, bevor es zur Staats-
religion erhoben, und dadurch die Spaltung in mehrere Parteien, in
Kirchen und Secten, nun erst recht befestigt worden war. Auch
haben sich erst mehrere Bäche und Flüsse, die man freilich schon
abgeleitet und ausgetrocknet zu haben meinte, vereinigen müssen,
ehe der Protestantismus in mehrere Arme getheilt, mit manchen
Nebenflüssen sich als ein Weltstrom ergoß. Und wird derselbe ka-
tholischerseits wohl anders angesehen als ein Sectenwesen? Den
Lutheranern waren früher die Calvinisten und Zwinglianer Sectirer.
Jetzt werden die, sich von der Landeskirche trennenden Lutheraner
in manchen Staaten als Secte behandelt. In England gehören
alle Mitglieder einer fremden christlichen Kirche, ohne Rücksicht
auf das Glaubensbekenntniß, zu den Dissenters; in Schottland gilt
gleiches von den Hochkirchlichen. In Nordamerika, dem früheren
Asyle der Secten, sind einige derselben so zahlreich, daß ihr Be-
kenntniß die dortige Staatsreligion werden müßte, wenn man daselbst
etwas der Art kennen wollte.

75) Sollte es nicht auch als eine eigenthümliche Auffassung und Der«
wirklichnng des Christenthums betrachtet werden können, wenn
eine Gemeinschaft die Befolgung, das Lebendigmachen der sittlichen
Lehren Christi, die Nachfolge seines Wandels als das Erste und
Wesentlichste hinstellen wollte? S. Herder: Tendenz deS Cbri-
stenthums. (Briefe zur Beförderung der Humanität, 2. Hälfte am
Ende. Werke zur Ph. u. Gesch. Bd. ll. S. 325. Ausg.v. 1810)
76) S. oben Note 36.

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