Full text: Volume (Bd. 5 (1895))

478 Krische, Der Rechtsbegriff des öffenil. Wasserlaufs »ach Sachs. Rechte.
diese Auslegung ist nicht nur sprachlich zulässig, da die Einführung des Gegen-
satzes zu den beiden, in §§ 1 und 2 behandelten Arten stehender Gewässer die
doppelte Hervorhebung des Flicßens durch „strames" und „vluzet" in dem durch
§ 3 getrennten § 4 ganz natürlich erscheinen läßt. Sie verdient auch aus innere»
Gründen den Vorzug, da nicht angenommen werden kann, daß der Sachsenspiegel
bei einer Abhandlung über Fischereifrevel zwar über die Fischerei in gegrabenen
Teichen, in natürlichen Teichen und in Seeen, sowie in Strömen sich geäußert,
die Fischerei in den mittleren und kleinen fließenden Gewässern aber ganz mit
Stillschweigen übergangen haben sollte. Andere verstehen freilich unter-dem
„Wasser an wilder Wage" die (kleineren) fließenden Gewässer und nehmen des-
halb an diesen Privateigenthum an. Aber diese Auslegung hat nicht nur das
Gewicht der Glosse gegen sich, die unter dem Wasser „an wilder Wage" das
Wasser versteht, das sich nur nach dem Winde, nicht durch eigene Strömung be-
wegt; ihr steht auch entgegen, daß bei dieser Auslegung in der Eintheilung des
Sachsenspiegels die natürlichen Teiche und die Seen zu vermissen wären, auf die doch
der unmittelbar folgende Gegensatz der gegrabenen Teiche ziemlich bestimmt hinweist.
So heißt es auch in dem für das Oberlausitzer Recht nicht belanglosen
Görlitzer Landrecht in Kap. 34 „wan ieglich vlizende wazzir heizet des
riches straze“.
Der sächsischen Praxis hat übrigens bis auf die neueste Zeit die entscheidende
Stelle wohl zumeist in der Lesart der Zobelschen Ausgaben: „Welchs Wassers
stram frey fleußt," u. s. w. Vorgelegen, und diese Lesart würde die Einbeziehung
der kleineren Gewässer unter die, dem Gemeingebrauche zugewiesenen Wasserläufe
noch deutlicher erkennen lassen. Denn daß ein Strom nicht unfrei fließen kann,
versteht sich für die Zeit des Sachsenspiegels wohl von selbst. Wenn der Ver-
fasser deö Rechtsbuchs deshalb alle Ströme Wassers für Gemeingut erklärt, die
frei fließen, so kann er damit nicht allein die Ströme gemeint haben. Und selbst
wenn die Zobelschen Ausgaben nicht die richtige Lesart haben sollten, so wird die
Thatsache, daß in Sachsen der Rechtssatz in dieser Fassung Jahrhunderte lang als
geschriebenes Recht gegolten hat, wohl wenigstens als werthvollcr Anhalt für die
Annahme eines entsprechenden Gcivvhnheitsrechts angesehen werden können/')
T. Ier Uesehl vom 2. Hktoöer 18VV und seine Vorgeschichte.
Die hauptsächlichste Grundlage für die Behandlung der mittleren und kleineren
Wasserläufe als privater Gewässer findet die herrschende Lehre in dem Reskripte vom
2. Oktober 1800, worin die Elbe, Mulde, Elster, Unstrut und Saale als öffent-
liche Gewässer den Privatgewässern gegenübergestellt werden.
41) Auch Buch II Art. 56 § 3 des Sachsenspiegels ist für die hier vertretene Auf-
fassung angeführt worden. Dort wird ohne Unterscheidung zwischen großen und kleinen Ge-
wässern gesagt, daß der in einem Flusse entstehende Werder dem Anlieger bis zur Flußmitte
gehört; vergl. dazu Schulte, deutsche Reichs- und Rechtsgeschichte, S. I70lt. -•

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