Full text: Volume (Bd. 13 (1852))

-19 Anmerkung.
„Die Verrücktheit tritt fast nie als primäre Form auf, wenig-
stens nach unserer Beobachtung, wenn nicht etwa auf dem
Wege der Eifersucht, Proceßsucht und der für Wahrheit ge-
haltenen Sinnestäuschungen. Sie kommt im Gefolge der
Schwermuth, noch häufiger aber der Tollheit vor, welche
Überhaupt ein tieferes Ergriffensein des Gehirnlebens aus-
drückt, als die reine Melancholie. Die Genesung ist einge-
treten und bis zu einer gewissen Stufe vorgeschritten, aber
auf dieser stehen geblieben; der getrübte Horizont hat sich
bis auf einen gewissen Grad wieder gelichtet, das körperliche
Wohlsein ist in der Regel auf einen früher nie gekannten
Grad wiedergekehrt; allein die Reaktion des leiblichen und
geistigen Lebens gegen den Rest der Krankheit ist auch er-
loschen, Verstand und Unverstand haben sich friedlich vermählt,
aus dem Nervenfieber ist gleichsam eine Neuralgie geworden,
und auf das eifrigste pflegt und wahrt und systemathisirt der
Kranke mit allen Waffen der Sophistik eines angebornen oder
durch die Krankheit vermehrten Scharfsinns diese fire Ideen,
welche mit Recht unter diesen Umständen ihren Namen füh-
ren; der Kranke ist als eine andere Persönlichkeit aus dem
Sturm der Seelenstörung hervorgegangen, zuweilen bis zu
einem völligen Austausch seines ganzen bisherigen Lebens,
das er nur noch als die Geschichte eines Andern kennt. —
Uebrigens bietet die Form der Verrücktheit nicht allein nach
der Qualität der kranken Ideen, sondern auch in Beziehung
auf psychischen Umfang eine große Verschiedenheit dar, und
auch für sie gilt das Gesetz alles Organischen und Lebendi-
gen: sie hat ihre, wenn gleich in der Regel höchst langsame
Weiterbildung, so daß zuletzt immer größere Parthien des
früher gesunden Seelenlebens am Ende bis auf die Kindheit
zurück in diesen Zauberkreis gezogen und der Spielraum der
Reflexion und der Kreis der gesunden gemüthlichen Thätig-
keit immer kleiner und kleiner werden. Wenn bei irgend einer
Form des Irreseins die Seele in selbstthätigen oder selbst-
leidenden Konflikt gezogen ist, so ist es bei dieser, und je mehr
sie den bloßen Charakter eines gewöhnlichen Irrthums an
sich trägt, um so idiopathischer ist das Leiden des Gehirns,
um so ungünstiger die Prognose" u. s. w.

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