Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 13 (1852))

Ueber die Handlungsunfähigkeit der Geisteskranken. 917
niß zu seinen Geschwistern beherrscht war, daß mit dieser Wahn-
idee nicht blos irre Vorspieglungen über feindliche Einwirkung jener
Geschwister auf seine Person zusammenhiengen, sondern dieselbe
fixe Idee ihn auch zu tollen Handlungen z. B. zu einem Mord-
anfalle auf seinen Bruder antrieb, dafür konnte ein Beweis durch
Sachverständige und Zeugen geführt werden. Intervallen dieses
partiellen Wahnsinnes ohne Weiteres anzunehmen, weil die Krank-
heits-Erscheinungen nicht jederzeit hervortraten, dazu war kein Grund
vorhanden: denn es liegt wie gesagt, in der Natur der Verrückt-
heit, daß diese nicht auf das ganze Gebiet der Vorstellungen sich
erstreckt, sondern eben nur Ln gewiffen schiefen Vorstellungen und
Sinnestäuschungen hervortritt, wo es dem Kranken zu Folge seiner
Seelenstörung unmöglich ist, eine reine Anschauung zu gewinnen
und das Irrthümliche seines Wahnes einzusehen.
Auch aus der richtigen Abfassung des Testaments und der Vor-
sicht, welche von dem Testirer dabei angewendet wurde, folgt nicht,
daß sein Geist zur Zeit des Testirens von der firen Idee in Betreff
seiner Geschwister nicht verdunkelt gewesen: denn es ist bereits be-
merkt worden ($ 3.), daß die partielle Verrücktheit eine consequente
und selbst scharfsinnige und boshafte Verfolgung der verrückten Ideen
nicht ausschließe. Dagegen paßte die Uebergehung der Geschwister
in dem Testamente ganz in den tollen Kram des Testirers: denn
sie entsprach als ein ausgesonnener Akt der Rache jenem Hirnge-
spinste einer feindseligen Gesinnung, mit welcher die Geschwister des
Erblassers ihn fort und fort auf geisterhafte Weise geneckt und ge-
peinigt haben sollen.

Anmerkung.
Während ich mit der Correctur dieses Aufsatzes beschäftigt war,
kam mir ein Bericht über die Wirksamkeit der Irrenheilanstalt Win-
nenthal von 1837—1840 (medizinisches Correspondenzblatt des Würt-
tembergischen ärztlichen Vereins Bd. X. Nr. 14) zu Gesicht, worin
der einsichtsvolle Vorstand dieser Anstalt, I)r. Zeller, vier Grund-
formen von Seelenstörungen unterscheidet: 1) Schwermuth (Trüb-
sinn, Tiefsinn, Melancholie); 2) Tollheit (Tobsucht, Raserei); 3) Ver-
rücktheit (partieller Wahnsinn, Wahnwiz); 4) Blödsinn. —Von der
dritten Form wird gesagt:

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