Full text: Volume (Bd. 13 (1852))

808 R e y s ch e r :
Individuen, welche gleichwohl nicht an einer Geisteskrankheit leiden,
sondern nur durch ihre geistige Insuffizienz an objektiv richtigeren
Vorstellungen und Entschlüssen gehindert sind. Will man daher
nicht auch die natürliche Geistesunreife des Kindes und andererseits
die psychischen Naturfehler der Erwachsenen, welche unabhängig von
einem pathologischen Processe sich äußern, den Geisteskrankheiten
beizählen, so ist das Jrrseyn genauer zu charakterisiren, d. h. es ist
als weiteres Merkmal hinzuzufügen: daß der Jrrthum oder Wahn,
wovon der Irre ausgeht, auf einer Störung im freien Ge-
brauche der Geisteskräfte beruhe.
Ueberhaupt aber möchte auch die Auffassung Nasse's, indem er
das Wesen der Geisteskrankheit in der Unfähigkeit des Kranken zur
Einsicht des Irrthums, also in mangelnder Erkenntniß, sucht, die
neuere Ansicht nicht vor dem Vorwurfe der Einseitigkeit schützen,
da, abgesehen von dem, was über das Vorkommen einer mania sine
delirio, wenn auch im Widerspruche mit Henke und Nasse, noch
immer behauptet wird (z. B. von H offbauer, He inrot h,
Friedreich), jedenfalls die Thaisache nicht zu läugnen ist, daß es
eigenthümliche Willens-Krankheiten gibt» wo wenn auch neben
einzelnen irren Vorstellungen, doch jedenfalls als vorherrschendes
Leiden eine gestörte Selbstbestimmungsfähigkeit, sei es in dem Symp-
tome mangelnder Entschlußfähigkeit oder geistiger Thatkraft, wie bei
dem Trübsinn, oder in krankhaftem Ueberreiz auftritt, wie bei der
Tollheit oder Raserei, welche ebensowohl auf einer Störung der
Willens- als der Verstandeskräfte beruhen kann.
Hiernach ist das Wesen der Geisteskrankheit so wenig blos
zu suchen in gestörter Erkenntniß- als andererseits in gestörter Wil-
lensfähigkeit, sondern in dem gestörten Vernunftvermögen über-
haupt, das sich ebensowohl äußert im Handeln als im Denken,
wie denn auch unsere Quellen nicht blos das Dasein dieses oder
jenes Seelenvermögens, sondern das Dasein der Vernunft in ihrer
Totalität (integritas mentis, sana mens) zur rechtlichen Selbststän-
digkeit , insbesondere zur Testirfähigkeit fordern.
§3.
Zwar könnte es scheinen, als ob unsere Quellen, indem sie von
Mmllosen (dementes), ihrer Vernunft und ihres Verstandes, oder
des Gebrauches derselben Beraubten sprechen, eine gänzliche Alie-

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