Full text: Volume (Bd. 5 (1841))

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Reyscher:

suchen zu wollen, verbietet schon der allgemeine Gebrauch derselben,
selbst unter den ernstesten Umständen. In der That gibt es kaum
eine Lage des Lebens, worauf nicht irgend ein Sprichwort Anwen-
dung fände. — Auf der andern Seite darf man aber auch ihren
Werth nicht überschätzen und die Spuren einer überwiegenden gei-
stigen Offenbarung, das Vermächtniß eines gediegeneren Zeitalters
darin finden. Man setzt das Mittelalter und seine Einrichtungen
nicht herab, wenn man der neueren Zeit ein geistigeres Streben und
im Allgemeinen selbst eine sittlichere Richtung zuschreibt. Aber man
ist jenen Einrichtungen hinwieder die Anerkennung schuldig, daß sie,
weil aus dem Volke hervorgegangen, seinen Sitten und materiellen
Bedürfnissen großentheils entsprechend, im Durchschnitt nationaler
waren, als die heutigen, welche nicht nur dem Volke entfernter stehen
als die früheren, sondern auch ein der Mehrheit des Volks entschie-
den inwohnendes Bedürfniß theilweise unbefriedigt lassen: ich meine
die Gemüthlichkeit. Eben der gemüthliche Charakter des Volks ist
es, welcher in jenen sinnvollen Sprüchen ehrlich hervortritt, ohne
von dem praktischen Volksverstande und der gesunden Einbildungs-
kraft unsrer Vorfahren eine geringere Meinung zu erwecken.
Doch alle diese Volksanlagen würden nicht hingereicht haben,
gerade den Rechtssprichwörtern ihre Entstehung zu geben, wenn
nicht die Neigung zur Positivität, d. h. Bestimmtheit und Stetigkeit
im Rechte sich damit verbunden und in der dem Volke früher zuge-
kommenen Autonomie Anlaß zu ihrer Entwicklung gefunden hätte.
Was Tacitus (Cap. 19) von den Germanen sagt: daß gute Sitten
bei ihnen mehr gelten, als anderwärts gute Gesetze, läßt sich zwar
auch von den heutigen Deutschen sagen, besonders im Gegensatz zu
dem fremden Rechte, welches in den 3 Jahrhunderten, über die es
nunmehr in fast unbedingter Anwendung bei uns steht, doch nicht
eigentlich heimisch aus deutschem Boden geworden ist.
Aber nachdem das Recht aus der organischen Einheit, in der es
mit dem ganzen Daseyn des Volks, seiner Sprache und seiner Ge-
schichte gestanden, herausgerissen worden, sind jene Sitten, wiewohl
das allein Ursprüngliche und Eigenthümliche in unsrem Rechte, viel-
fach in den Hintergrund getreten, und so ist auch von den Rechts-
sprichwörtern mehr nur in den Büchern, als im Leben selbst, hier
und da ein Nachklang übrig geblieben.

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