Full text: Volume (Bd. 5 (1841))

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Reyscher:

Daraus, daß ein Sprichwort jetzt noch üblich ist, kann aller-
dings im Zweifel gefolgert werden, daß es noch praktischen Werth
habe. Umgekehrt aber folgt daraus, daß dasselbe nicht mehr vor-
kommt, keineswegs, daß es unpraktisch sep; denn, da das Recht sei-
ner ursprünglichen Bildungsquelle im Leben des Volks jetzt großen-
theils entzogen ist, so hat der Anlaß und die Neigung zu bestimmten
wiederkehrenden Ausdrücken, welche früher in die Nechtssprache über-
giengen, aufgehört, und, so häufig man auch noch andere Sprich-
wörter hört, so selten sind doch gerade die Rechtssprichwörter im
Munde des Volks geworden.
Aber auch daraus, daß noch jetzt ein Sprichwort da und dort
gilt, folgt noch nicht, daß diese Geltung eine gemeinrechtliche sey.
Manche Sprichwörter sind ursprünglich nur partikularrechtlich und
in diesem Fall konnten sie von Anfang an nur da angewendet wer-
den, wo sie zu Hause sind. Andere hatten zwar ursprünglich eine
gemeinrechtliche Bedeutung, die ihnen aber jetzt nicht inehr zukommt,
weil römisches Recht und Landesgesetze die ihnen zu Grund liegen-
den Rechtsverhältnisse verdrängt oder verändert haben.
Einzelne ferner gehören nicht blos dem gemeinen Recht in
Deutschland an, sondern dem europäischen Völkerrecht, wie z. B.
„die Flagge deckt die Ladung," „frei Schiff, frei Gut," oder endlich dem
natürlichen Rechte. In jenem Fall ist aus der europäischen Völker-
sitte die Bedeutung des Sprichworts zu entnehmen; in diesem aber
genügt es, die Erklärung aus allgemeinen Vernunftgrundsätzen her-
zuholen. Hieher gehört z. B. die Rechtsregel: „N o th k e n n t k e i n Ge-
b o t" (necessitas non habet legem). Die Rechtsordnung setzt nämlich
ihrem Begriffe nach überall die Möglichkeit eines freien Zusammen-
lebens der zu ihr verbundenen Vernunftwesen voraus. Wo nun ohne
die Schuld des Einzelnen der Kreis des freien Handelns zwischen
zwei oder mehreren Personen so eng gezogen ist, daß das Seyn des
Einen nicht mit dem des Andern zusammen bestehen kann, da ist ein
sog. Nothstand vorhanden, welcher außer dem Rechtsgesetze steht
und daher nicht nach ihm beurtheilt werden kann. In einem solchen
Falle befand sich jener Schieferdecker auf dem Straßburger Mün-
ster, welcher seinen Sohn, der vom Schwindel befallen bei ihm
Hülfe suchte, ergriff und auf das Pflaster niederschleuderte, um nicht
im Falle von ihm fortgerissen und so gleichzeitig zerschmettert zrl
werden. Ebenso gelang es vor wenigen Jahren einem französischen

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