Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 10 (1900))

Literatur.

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sein Inhalt. Nicht Bauer, nicht Edelmann, nicht Kaufmann, nur die Person des Verkehrs-
rechts, die Privatperson des Verkehrslebens. Das Recht des Bürgerlichen Gesetzbuch« ist
also Verkehrsprivairecht. Es ist aber das Recht, das der deutsche Kaufmann erzeugt hat.
Als Verkehrsrecht ist es die Ergänzung des Handelsgesetzbuchs. Daher die große Verwandt-
schaft mit dem Handelsrecht. Kaufmännischen Ursprungs ist der Geist des Gesetzbuchs.- Die
Zeit steht im Zeichen des Verkehrs, daher spiegelt sich die Gegenwart wieder im Gesetzbuch.
Sein Hauptinhalt ist: Befriedigung der Forderungen des Verkehrs. Noch nie hat ein Ge-
setzbuch so verstanden, diesem Bedürfnisse gerecht zu werden. Alles dient der Sicherheit
des Verkehrs, des gutgläubigen Dritten. Diesem zu Gunsten weicht das materielle Recht.
Noch niemals ist mit solcher vollendeter Technik dieser Grundgedanke verwirklicht worden.
Schutz giebt es dem Erwerber! Das Verkehrsinteresse des Erwerbers ist stärker als das
des Besitzes. Das Eigenthum weicht dem Verkehre. Schutz bringt es Treu und Glauben:
das ist zum Leitstern gemacht namentlich fürs Obligationenrecht, für den Vertrag.
Wie ist seine Form? 2385 knappe Paragraphen hat das Gesetzbuch. Aber jeder
Paragraph ist von Stahl gearbeitet, schneidig, doch biegsam, jedes Wort muß erwogen
werden. Fast jeder Ausdruck ist ein Kunstausdruck. Die Sprache des Gesetzbuchs muß er-
lernt werden. Wer sie aber erlernt hat, dem giebt sie hellen, scharfen Klang. Freilich
auf solchem Instrument spielen, das kann nicht Jedermann. Das Gesetzbuch ist nicht volks-
thümlich — es kann es nicht sein in der Form, es ist's aber seinem Inhalte nach, denn es
ist individuell freiheitlich. Das Gesetzbuch fordert den kunstverständigen Ausleger, nur dem
Eingeweihten ist es verständlich. So muß es aber heute sein. Unsere Rechtswissenschaft
hat uns auf immer vom naiven Recht der konkreten Fälle befreit. Es muß abstrakt sein,
um alle Fälle zu ergreifen. Das neue Gesetzbuch ist abstrakter als irgend eines war, darum
schwieriger für den Unverständigen, reicher für den Verständigen. Das Gesetzbuch hat aber
für sich allein noch etwas anderes: den straffen Zusammenhang des Ganzen. Es ist ganz
einheitlich gedacht worden, alle Paragraphen haben einen unzerstörbaren eisernen Zusammen-
hang. Man ist außer Stande, einen Paragraphen für sich allein zu nehmen, jeder fordert
die Ergänzung durch das ganze Buch! Niemals ist auf den einzelnen Fall ein einzelner
Paragraph, sondern immer das ganze Gesetzbuch anzuwenden. Hierin liegt die Freiheit für
die Wissenschaft und Praxis, die Paragraphenjurisprudenz ist ausgeschlossen. Der einzelne
Paragraph kann mißrathen sein, das Gesetzbuch nie! Niemals gilt das ausgesprochene,
sondern immer das im ganzen Gesetzbuch, verborgene Recht! Diese Aufgabe ist freilich, sehr
schwierig. Lösen können wir sie nur mit der deutschen Wiffenschaft und deutschen Rechts-
anwendung. Die Zuversicht dazu schöpfen wir aber aus ihrer Lebenskraft. Die Pandekten-
wissenschaft hat uns die Waffen bereitet zum Kampf der Zukunft. Der Geist dieser Wissen-
schaft darf nicht erlöschen. Die deutsche Pandektenwissenschaft wird in das neue Heim des
Gesetzbuchs einziehen und dort neue Aufgaben finden. Und die Lebenskraft der deutschen
Rechtsanwendung hilft auch mit zur Befreiung, damit nicht der einzelne Buchstabe, sondern
das ganze Recht gilt: aus dem Gesetzbuch erblüht das deutsche bürgerliche Recht!
An diese Worte schloß sich ein gemeinsames Abendessen, bei dem zwei Tafellieder
gesungen wurden, die zur Würze des Mahles beitrugen. Vielleicht darf ich diesen ernsten
Blättern in Genehmigung der Dichter ausnahmsweise auch diese heitere Muse anvertrauen :
- Das Unberührte.
Nach der Melodie: Die Hussiten zogen vor Naumburg.
Unberührt bleibt meist'auf Erden Was nun fällt ins Unberührte,
Was nicht mag gegessen werden; Was in das Neuemgeführte/
Vieles bleibt auch unberührt, Das erfordert Studium;
Weil stch's einmal so gebührt: Nur fehlt meist dazu der Mumm
Tanger me noli. Weils gar zu langweilig.

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