Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 10 (1900))

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Literatur.

Familienrecht hat ebenfalls wenig Anklang an das römische Recht. DaS Erbrecht beruht
auf der deutfchrechtlichen Erbfolgeordnung; es giebt kein Testament im römischen Sinne,
kein formales Roterbrecht. Auch das Forderungsrecht kennt manche Abweichungen. Die
Hervorhebung von Treu und Glauben findet sich auch im sächsischen B G.B. (8 656), man
ist bestrebt, es von Formalitäten zu befreien, die Schriftlichkeit ist nur. bei Verträgen über
Grundstücke vorgeschrieben. Das sächsische bürgerliche Gesetzbuch hat auch ein Vertrags-
verhältniß geregelt, das im deutschen bürgerlichen Gesetzbuche fehlt, den Verlagsvertrag.
Die Sprache.des Gesetzbuchs ist, ich will nicht sagen, wie unser heimischer Dialekt, gemüt-
lich/ so doch einfach und verständlich. Sie strebt nicht nach abstrakter Formulirung wie
das deutsche bürgerliche Gesetzbuch; manchmal läßt sie eher die juristische Schärfe vermiflen.
Daher hat auch das sächsische Gesetzbuch seine Kontroversen gehabt. Oft lag es auch nur
an den älteren Mitgliedern des obersten Gerichts, die sich von ihrem alten Recht schwer
trennten. Veröffentlicht worden sind die Allgemeinen und Spezialmotive. Die Kommissions-
Protokolle dagegen find nicht, allgemein zugänglich gemacht worden, sie wurden als Privi-
legium der obersten Instanz betrachtet, die hier und da mit ihnen operirte. Alles in
Allem also hat sich das sächsische bürgerliche Gesetzbuch als brauchbare Norm bewährt.
Wir Sachsen scheiden von ihm wie von einem liebgewordenen Freunde und Begleiter, nicht
leichten Herzens, aber wir thun es opferwillig und gern, weil wir wollen ebenso gern wie
andere Stämme: ein Reich, ein Recht!
Nach diesen Abschiedsworten hielt Herr Geh. Hofrath Prof. Dr. So hm dem neuen
deutschen Bürgerlichen Gesetzbuche die Begrüßungsrede. Er sprach etwa Folgendes:
Dem alten Recht unser Dank, dem neuen unsere Hoffnung! Am Anfang des Jahrhunderts
steht Savigny mit seinem Wort: Die Zeit hat keinen Beruf zur Gesetzgebung; am Ende
des Jahrhunderts haben wir das größte Gesetzgebungswerk geschaffen, das die Rechts-
geschichte kennt. Welche Mächte haben es zum Siege geführt? Woher und welcher Art
sein Inhalt? Zwei große Mächte haben die deutsche Geschichte und das deutsche Recht ge-
macht : der Landmann und der Kaufmann. Der Landmann ist der ältere, er machte das
mittelalterliche Recht, das Recht für Bauern und Edelleute, das deutsche bäuerliche Recht.
Seit Ausgang des Mittelalters tritt aber der Kaufmann ihm entgegen. Es kommt nun
die Verwandlung des bäuerlichen in das bürgerliche Recht. Der erste große Erfolg des
Kaufmanns ist die deutsche Stadt: es erfolgt die Aufnahme des römischen bürgerlichen
Rechts,, das ebenfalls städtischen Ursprungs ist. Es ist in erster Stelle Verkehrsrecht. Es
erobert dann das platte Land. Die deutsche Stadt hatte das deutsche Land besiegt. Seit
dem 16. Jahrhundert erwuchsen dann neue Bedingungen, die dazu führten, vom römischen
Recht das deutsche bürgerliche Recht zu trennen. ES kam die Auflehnung gegen das
römische Recht, die Aufklärung, und sie wirkte Befreiung der Gegenwart von der Ver-
gangenheit. Die Vernunft der Gegenwart sollte zum Siege geführt werden. Aus diesem
Streben sind große Gesetzbücher hervorgegangen, den Gipfelpunkt aller bildet das deutsche
Bürgerliche Gesetzbuch.
Welcher Art sein Inhalt? Es giebt deutsches Privatrecht. Aber es ist nicht das
einzige Gesetzbuch über Privatrecht. Daneben steht noch das Einführungsgesetz, das zweierlei
Privatrecht außerdem zuläßt: das Privatrecht anderer Reichsgesetze und das Privatrecht
des vorbehaltenen Landesrechts. Anderes Privatrecht des Reichsrechts: das Sonderprivat-
recht des nationalen Gewerbelebens, anderes Landesrecht:.Hauptinhalt ist das vorbehaltene
Privatrecht des deutschen Grundbesitzes, das agrarische Privatrecht deS deutschen Land-
manneS. Dem deutschen Gewerbsmann dient das deutsche ReichSrecht, dem deutschen Land-
mann das deutsche Privatrecht. .
Was ist der Inhalt des deutschen Gesetzbuchs? Es handelt nicht vom Gewerbsmann,
nicht vom 'Landmann, eS handelt von der abstracten Privatperson: der Mensch, das ist

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