Full text: Volume (Bd. 10 (1900))

748 Dr. Nagler, Die gesammte Hand im Gesellschaftsrechie.
Nur dann bliebe Raum für eine ipso Mrs erfolgende Ausdehnung der Theil-
berechtigung zum Vollrecht, wenn die Gemeiner zur Errichtung der angestrebten
Rechtsübertragungswirkungen den nicht gerade nahe liegenden Weg der Dereliktion
ihrer Antheile wählen würden.
d) Strafrechtlich endlich finden die Kategorien der Eigenthumsverbrechen
(Unterschlagung, Diebstahl, Raub, z. Th. Erpressung rc.) auch hinsichtlich der vom
einzelnen Genossen bewußt widerrechtlich vorgenommenen Aneignungen der im
gesammthändischen Miteigenthum stehenden Sachen zwanglos Anwendung: nur be-
mißt sich — wie auch bei der dolosen Aneignung römischrechtlich im Miteigenthum
des Thäters stehender Körper — der Werth der Diebsbeute nach den fremden
Eigeilthumsquoten. Interessant, aber zugleich auch vernichtend für die in dieser
Studie bekämpfte Ansicht ist die Stellungnahme ®ierfe’8113) zu dieser strafrecht-
lichen Frage. Er muß hier ein Verbrechen sui generi« als verwirklicht ansehen.
Hören wir ihn selbst: „Maßt der Gesellschafter sich individuelle Eigenthumsbefug-
nisse an einer Gesellschaftssache an, so greift er hinsichtlich der Totalität derselben
in eine ihm zwar nicht fremde, jedoch nur zur gesummten Hand mit anderen zu-
ständige Eigenthumssphäre ein. Ein derartiger Eingriff läßt sich strafrechtlich
nicht als Diebstahl oder Unterschlagung qualifiziren, da die Sache für den Theil-
haber wie zu keinem gesonderten Antheil eine eigene, so zu keinem gesonderten An-
theil eine fremde ist?") Vielmehr liegt darin ein eigenartiges Delikt. Da es
indeß an einer Strafbestimmung für dasselbe fehlt, hat das Reichsgericht in ge-
wissem Nothstand die Begriffe Diebstahl und Unterschlagung für anwendbar er-
klärt.""3) Ohne den Vorwurf des anmaßenden Hochmuths zu riskiren, kann die
Theorie der getheilten Mitberechtigung angesichts der bloßen Konsequenzen der
gegnerischen Lehrmeinung auch hier das Wort: „Simplex sigillum veri" für sich
in Anspruch nehmen. —
VIII. Rück- und Ausblick.
Wir leben gegenwärtig in einer Periode besonderen Aufschwungs des gesell-
schaftlichen LebenS: Bereinigungen aller, vornehmlich aber wirthschaftlicher Art
wachsen in großer Anzahl dank der raschen Zunahme der menschlichen Bedürfnisse
hervor. Wenn es daher für das Recht gilt, die Macht deS Privategoismus der
Glieder, der keine genügende Spannkraft des Solidaritätsgefühls aus sich heraus
entwickelt und darum oft mit den Anforderungen der Gemeinschaft an den Ein-
zelnen in großer Schärfe kollidirt, in Bande zu schlagen^ so. eröffnet sich für das
Rechtsprinzip der gesammten Hand ein weites Feld der Bethätigung. Nachdem
" 143) Gierte, Genofsenschaststheorie S. SIS.
I44) Dieselbe Tonart hatte das Reichsgericht (Zivilsachen Bd. IX S. 143 flg.) an-
geschlagen, wenn es davon sprach, daß es kein Parlikelchen der Sache gäbe, das —reell wie
ideell gedacht — nicht zugleich den anderen Gesellschaftern gehörte. Die gesunde Ansicht des
Bd. XXVII S. II flg. publizirten Straferkenntnisses ist schon oben betont worden.
««) Trotz der Vorschrift des 8 2 Abs. 1 St.G.B.? '.',7

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