Full text: Volume (Bd. 10 (1900))

23.1.5. Der durch die Schuld eines Anderen an seinem Körper Verletzte kann, wenn er trotz der Verletzung zu einem gewissen Gewerbe fähig geblieben ist, diese zu ergreifen nicht ohne Weiteres mit der Begründung ablehnen, daß dasselbe seinen Neigungen nicht entspreche.

Schadenersatz bei Körperverletzung.

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Der durch die Schuld eines Anderen an seinem Aörxer Ver-
letzte kann, wenn er trotz der Verletzung zu einem gewissen
Gewerbe fähig geblieben ist, dieses zu ergreifen nicht ohne
lveiteres mit der Begründung ablehnen» datz dasselbe seinen
Neigungen nicht entspreche.
Urtheil vom 19. Februar 1900. VI. 372/99.
Der im Jahre 1891 geborene Kläger, Sohn eines ländlichen Arbeiters,
war im Oktober 1896 auf dem Hofe des Beklagten in einem Göpelwerk ver-
unglückt dergestalt, daß er den linken Unterschenkel verloren hatte; der Unfall war
auf ein Verschulden des Beklagten zurückzuführen.
Bei der Beurtheilungder für ihn angestellten Schadenersatzklage sprach dasReichs-
gericht bezüglich der Entschädigung für verminderte Erwerbsfähigkeit folgendes aus:
Hinsichtlich der Bewerthung des Verdienstentganges geht das Berufungsgericht
von der Annahme aus, daß der Kläger, da dessen Vater Lohngärtner in T. sei,
mit dem Zeitpunkt, von dem ab Kinder seines Standes ihr Brod zu verdienen
hätten, sich dem landwirthschastlichen Gewerbe zugewendet haben würde. Der
Beklagte könne sich dabei nicht durch den. Einwand befreien, daß der Kläger noch
in der Lage sei, ein Handwerk zu erlernen, da diesem nicht zugemuthct werden
könne, einen ihm nicht zusagenden Beruf zu ergreifen, und andererseits der Betrieb
eines Handwerks besondere Geschicklichkeit und Fähigkeit verlange, deren Besitz
beim Kläger nicht obne Weiteres vorausgesetzt werden könne.
Die Revision macht gellend, der Berufungsrichter verletze die §§ 79, 119
bis 122 Th. I. Tit.' 6 des Allg. L.R.'S. Der Einwand des Beklagten, der Kläger
könne noch ein Handwerk lernen und sich dadurch arbeitsfähig machen, sei mit Unrecht
verworfen. AuS dem Zusammenhänge der gedachten Bestimmungen folge, daß cs
nur darauf ankomme, dem Kläger die verlorene Erwerbsfähigkeit wieder zu beschaffen.
Die Revision war als begründet zu erachten.
Liegt die Vernachlässigung eines Polizeigesetzes im Sinne des § 26 Th. I.
Tit. 6 des Allg. L.R.'s vor, so kommt es, wie in der Rechtsprechung anerkannt
ist, auf den Unterschied zwischen unmittelbarem und mittelbarem Schaden nicht
an; es gilt vielmehr jeder Schaden als unmittelbarer durch grobes Versehen
entstandener. (Vergl. Rehbein und Reineke, A.L. V. Aust. Bd. I S. 237,
238 Note 6.) Die Haftung für entgangenen Gewinn steht somit außer Zweifel.
Gewährt auch § 116 Th. I Tit. 6 die Vergütung der künftigen VoWeile, deren
Erlangung der Beschädigte nach dem natürlichen und gewöhnlichen Lauf der Dinge
erwarten konnte, so schreibt 8 119 desselben Titels die Abrechnung des vom Be-
schädigten durch Anwendung seiner körperlichen oder Geisteskräfte erlangten Ge-
winnes vor. Für die Bewerthung des wirklichen Verdienstentganges in der Zukunft
müssen daher selbstverständlich auch die Momente in Betracht gezogen werden,
die eine Ausgleichung der durch die Verletzung hervorgerufenen Nachtheile in
sichere Aussicht stellen. Nach dem Thatbestande des Berufungsurtheils hatte nun

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