Full text: Volume (Bd. 12 (1848))

Strafrecht des Mittelalters. KR
• ' 2.
Aus dem Bisherigen erhellt, daß für die so scharf unterschiedenen
Lebenskreise auch ein verschiedenes Recht sich bilden mußte, insbe-
sondere auch ein verschiedenes Strafrecht, da eben dieses seine be-
sondere Gestaltung wesentlich durch die Art und Weise erhält, wie
der Einzelne dem sittlichen Ganzen, dem er angehört, untergeord-
net ist.
Nur freilich soll nicht behauptet werden, daß die Wirklichkeit
eine so scharfe Sonderung der Principicn aufgewiescn habe, wie sie
für die Darstellung erforderlich ist, da vielmehr jene ganze Zeit der
Auflösung des karolingischen Staats eine Zeit unordentlicher Gäh-
rung war, der es vor Allem am wissenschaftlichen Bewußtsein fehlte,
daher denn in der Wirklichkeit die verschiedenen Kreise vielfach in
einander lausen, von einander borgen, und alle überdieß in einer
beständigen Bewegung sind, vermöge deren die Veränderungen in
Begriffen und Einrichtungen überall nur schrittweise vor sich gehen 82).
Gleichwohl hat sich mittelst dieser allmälig die ganze Gesell-
schaft ergreifenden und umarbeitenden Bewegungen auch das Straf-
recht der karolingischen Periode wesentlich umgestaltct und ist in
verschiedene neue Bildungen eingegangen. Die Partikularisation
ging aber nicht bloß nach verschiedenen gesellschaftlichen Lebenskreisen
vor sich, sondern es hing damit zusammen, daß sie auch eine ört-
liche werden mußte. Ze lockerer nämlich die Staatseinheit wurde,
je entschiedener die alten gesellschaftlichen Grundlagen verschwanden,
und neue Stände, einer vom andern abgeschlossen, sich bildeten, je-
mehr dann die Vertheilung der Staatsgewalt diesen neuen gesell-
schaftlichen Theilungen folgte, ohne doch als centrale ganz aufgehoben
zu seyn, so daß sie nun lange Zeit hindurch an keinem Orte mit
gehöriger Stärke hervortreten konnte,— um so größeren Spielraum
erhielt die Autonomie in den einzelnen gesellschaftlichen Kreisen, die
dann, bei aller Gemeinsamkeit in den Grundlagen der neuen Rechts-
bildungen, doch die größte lokale Mannigfaltigkeit mit sich brachte,
jemehr beim Mangel an wissenschaftlichem Bewußtsein das nächste
Bedürfniß überall das allein Bestimmende war 83). Neben der

82) Stein 1U. S. 166. 187.
83) Eichhorn II. §. 209. 257- 261, 546. Zöpfl II. 1. $. Jl—25.

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