Full text: Volume (Bd. 12 (1848))

426 Köstlin:
neuen Gestalt, gegenüber dem Feudalrechte wieder zu siegreicher
Geltung gebracht wurde.
Dieser Rückschlag, dessen Folge die definitive Gestaltung der
Jury war, schloß sich nun aufs engste an die Thätigkeit des Ge-
richtshofs, — mithin an den Einfluß des Königthums auf die Entwick-
lung der Rechtspflege an. Durch seine Stellung zum Lehenswesen
und zugleich zu den freien Gemeinden gewann das Königthum in
England eine Uebcrlegenheit und doch zugleich eine Mäßigung, wo-
durch sich seine Bedeutung von der des deutschen und des franzö-
sischen Königthums sehr wesentlich unterschied. Dieser Bedeutung
entsprechend, wurde der königliche Gerichtshof der Mittelpunkt für
den ganzen weitern Prozeß der Rechtsbildung im bürgerlichen und
Strafverfahren. Durch ihn blieb die fernere Entwicklung in Ein-
heit gehalten, aber in einer nicht bloß durch das Beamtenthum
getragenen, sondern volksthümlichen Einheit. Das Mittel, wodurch
diese Einheit verwirklicht wurde, war jene eigenthümliche Ausdeh-
nungsfähigkeit des königlichen Gerichtshofs, die sich in dem Insti-
tute der reisenden Richter darstellt, indem derselbe durch Aussendung
seiner Mitglieder als Commissäre sich gleichsam im ganzen König-
reiche allgegenwärtig, und dadurch nach und nach das ganze Straf-
verfahren zu einer Sache der Krone machte, ohne doch in eine ein-
seitig inquisitorische Richtung zu verfallen. Namentlich schloßen sich
nun an die Thätigkeit des Gerichtshofs die Institute der Assise und
der Rügejury.
Etwa hundert Jahre nach der normannischen Eroberung hatte
es der dem Zweikampfe abholde Volksgeist dahin gebracht, daß von
Seiten des Königs den Parteien in bürgerlichen Rechtssachen ge-
stattet wurde, anstatt des Beweises durch Zweikampf sich auf das
Zeugniß des Landes, der Gemeinde zu berufen, d. h. zunächst auf
das altbekannte Nachbarschastszeugniß bei Streitigkeiten über Grund
und Boden, jüngsten Besitz und andere gemeinkundige Dinge. Es
hieß dieß auch: sich auf die große Assise berufen. Die Assise ist
aber eben nichts Andres, als die Versammlung der Edlen und Ge-
meinfreien des bestimmten Sprengels, die mit den Commissären des
königlichen Gerichtshofs Zusammentritt, um ihnen bei Ausübung
ihrer richterlichen und administrativen Funktionen an die Hand zu
gehen. Es handelte sich hier eben nur von einem Zeugnisse in dem
schon oben berührten weiteren Sinne des germanischen Rechts,

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