Full text: Volume (Bd. 12 (1848))

414 Köstlin:

sinnliche Wahrnehmung, sondern oft eine sehr vermittelte materielle
Kunde von dem Sachverhalt verlangt wird.
Eben dieser vage Begriff vom Zeugniß erleichterte nun die
Entstehung des Begriffs der Geschwornen, die nichts anders sind,
alö solche Zeugen im weiteren Sinn, denen zugleich die Function
von Eidhelfern übertragen ist, ein Beweismittel, welches die ob-
jektive und die subjektive Garantie der Wahrheit in sich vereinigt.
Nur freilich brauchte diese Zdee, bis sie vollkommen verwirklicht
wurde, eines ziemlich langen Entwicklungsprozesses, weil eine wei-
tere Schwierigkeit noch in dem konstanten germanischen Rechtsgrund-
satze lag, daß immer nur Eine Partei und zwar der Angegriffene
(im Strafprozesse daher der Angeklagte) zu beweisen berechtigt und
verpflichtet sei, welcher Beweis aber eben mittelst Eideshilfe und
Gottesurtheil geliefert wurde. Dieses Beweisrecht des Angeklagten
war nur bei Handhafter That ausgeschlossen: der Kläger konnte es,
und nicht bei allen germanischen Stämmen, nur dadurch ausschließen,
daß er sich zum Zweikampfe erbot, d. h. ein beiden Parteien geitzein-
schaftliches Beweismittel erwählte.
Nun ist es es wohl keineswegs zu bezweifeln, daß man, so
lange das alte Beweisspstem bestand, sowohl dem Eidhelferschwur,
als dem Gottesurtheil, namentlich aber dem Zweikampf in gutem
Glauben die Eigenschaft, auch die materielle Wahrheit zu offenbaren,
beimaß. Dieses Vertrauen ward denn auch dem Zweikampfe noch
zu einer Zeit bewahrt, wo man sich gegen den reinen Eidhelfer-
beweis und die eigentlichen Ordalien bereits sehr skeptisch verhielt.
Es ist deßhalb sehr bemerkenöwerth, daß solche germanische Stämme,
welche den Gebrauch des Zweikampfs hegten und pflegten, nicht zur
Entwicklung des Geschworneninstituts gekommen sind.
Das Bedürfniß, welches zu diesem führte, empfanden indessen
alle auf gleiche Weise, wenn auch zu verschiedenen Zeiten. Es
stellte sich ein, sowie sich mit der Umwandlung der gesellschaftlichen
Organisation die alte Grundlage des Eidhelferinstituts und das
Vertrauen auf den Eidhelferbeweis verlor, so wie sich durch stei-
gende Bildung oder durch den Einfluß der Kirche die Ordalien um
den alten Kredit gebracht sahen. Alle thaten auch zunächst die
gleichen Schritte zur Befriedigung des Bedürfnisses, und insbesondere
gieng die Entwicklung des deutsch-französischen Rechts unter den
Karolingern noch durchaus parallel mit der des englischen. Aber es

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