Full text: Volume (Bd. 12 (1848))

Entstehung und Fortbildung der Jury. 411
aus diesen sofort auf die Schuld zu schließen; sie geht vielmehr von
dem Bruch zwischen cher realen und idealen Welt aus und fordert,
daß das Innerliche der verbrecherischen That durch Beweismittel
von ebenso innerlicher (subjektiver) Natur vermittelt werde. Daher
der absolute Werth, den das germanische Recht auf das Selbstsehen
und Hören des Gerichts und auf das freie Geständniß des Schuldi-
gen legt. Daher deßgleichen die eigenthümliche Art der Beweisfüh-
rung in den übrigen Fällen, durch den Eid der Genossen und das
Gottesurtheil. Es ist durchaus falsch, wenn man meint, das ger-
manische Recht habe auf das Hauptbeweismittel des römischen, das
materielle Zeugniß, gar keinen Werth gelegt; es hat ihm nur keine
für sich entscheidende Kraft beigemessen, vielmehr immer noch weiter
eine unmittelbar das Gewissen bestimmende Garantie durch den eidli-
chen Ausspruch freier Männer oder den Ausspruch der Gottheit verlangt.
Fragen wir nun nach den spezifischen Grundgedanken dieses
Rechts, so sind, es die beiden: daß die Beweisführung nicht mit der
Herstellung des objektiven Tbatbestands, und die Entscheidung der
Thatfrage nicht mit der logischen Operation des Schlusses aus den
Ergebnissen dieser objektiven Beweisführung abgcthan sei.
Allerdings erscheinen diese Gedanken im ältesten germanischen
Recht noch in sehr unentwickelter Gestalt. Denn einerseits sehen wir
der materiellen Grundlage für die Gewisscnsüberzeugung noch kei-
neswegs ihr volles Recht geschehen, und die entscheidenden Beweis-
mittel gehören einer noch niedrigen Kulturstufe an; andrerseits eig-
net sich, wie gesagt, das Gericht noch keineswegs die Entscheidung
über die Thatfrage zu, wo nicht handhafte That (Gerichrszeugniß)
vorliegt, sondern überläßt diese der Beweisführung der Parteien,
durch deren Ergebniß es sich formell gebunden betrachtet. In bei-
den Beziehungen scheint das germanische weit hinter dem römischen
Recht zurückzuftehcn. Aber dieser Schein ist nur für den oberfläch-
lichen Betrachter vorhanden. In Wahrheit stellt sich vielmehr das
germanische Recht als.das tiefere und reichere dar. Weit entfernt,
die Beweismittel des römischen Rechts auszuschlicßen, war es viel-
mehr geeignet, sie als Glied eines umfassenden Systems in sich auf-
zunehmen, indem es dieselben zur Grundlage für den Wahrspruch
der Geschwornen machte. Seit dann eben der Gebrauch aufkam, von
den Geschwornen keine materielle Wissenschaft zu verlangen, sondern
ihnen derlei Beweismittel vorzulegen, wurden sie aus Beweisende«
Zeitschrift f. deutsche- Recht I». Dv. r. H. 27

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